Wut der Doktoranden - Wie Deutschland junge Forscher vergrault

Mai 2012 Spiegel Online

von Britta Mersch

Unsichere Zukunft, abhängig vom Doktorvater, schlecht bezahlt: Doktoranden in Deutschland forschen unter schlechten Bedingungen, viele verlassen deshalb das Land oder die Wissenschaft. Jetzt wehren sich die Nachwuchsforscher.

In der Forschung fühlt sich Frank Wiese* zu Hause. Er arbeitet an einem Institut der Helmholtz-Gemeinschaft in Ostdeutschland, beschäftigt sich mit naturwissenschaftlichen Fragen. Womit genau, möchte er nicht öffentlich sagen. Denn auch wenn ihm seine Doktorarbeit Spaß macht, äußert er Kritik: "Wir alle forschen unter prekären Bedingungen", sagt er. Deswegen überlegt er, seiner Karriere einen anderen Dreh zu geben: "Vielleicht mache ich noch ein oder zwei Jahre. Dann sehe ich aber zu, dass ich in die Wirtschaft komme."

Denn die Kommilitonen, die in die Wirtschaft gehen, verdienen nicht nur mehr Geld. Nach ein paar Jahren stellt sich mit einer festen Stelle auch Sicherheit bei ihnen ein. Anders ist die Situation bei den Nachwuchswissenschaftlern: Viele wissen mit Ende 30 noch nicht, ob sie eine Professur ergattern. Bis dahin hangeln sie sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten.

Eine Perspektive, die vielen Angst macht: Eine Umfrage unter Helmholtz-Doktoranden aus 2009/10 ergab, dass ein Drittel noch nicht sagen kann, was nach der Promotion kommt. Nur neun Prozent streben nach der Doktorarbeit eine Postdoc-Stelle in Deutschland an. Die restlichen sehen ihre Perspektiven im Ausland oder in der Wirtschaft.

Viele bleiben stumm, aus Angst um die wissenschaftliche Karriere

Im März hatten sich Doktoranden der Max-Planck-Gesellschaft über ihre oft prekären Arbeitsverhältnisse beklagt. Sie übten vor allem Kritik an der Praxis, Doktoranden mit Stipendien abzuspeisen. Denn die Stipendiaten zahlen nicht in die Renten- oder Pflegeversicherung ein und müssen selbst eine Krankenversicherung abschließen. Zahlreiche Doktoranden von unterschiedlichen Universitäten und Forschungseinrichtungen meldeten sich daraufhin bei SPIEGEL ONLINE und schilderten ihre Probleme. Es geht um prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Abhängigkeiten zum Doktorvater - und den Umfang, mit dem Doktoranden in Arbeiten des Instituts eingebunden werden, auch wenn sie nur eine halbe Stelle haben.

Aus Angst, der wissenschaftlichen Karriere zu schaden, mag sich kaum jemand öffentlich äußern. Stephanie Niehoff allerdings hat die Wissenschaft schon verlassen. Die 31-Jährige hat über bolivianische Einwanderer in Sao Paolo promoviert, heute arbeitet sie bei einer Politikberatung. Finanziert hat sie ihre Promotion mit einem Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung, eine Stelle an der Uni hatte sie nicht: "Trotzdem wurde ganz selbstverständlich vorausgesetzt, dass ich unentgeltlich Lehrveranstaltungen halte", sagt Stephanie Niehoff. Sie sei auch in Aufgaben des Lehrstuhls eingebunden worden - obwohl sie dafür kein Geld bekam. "Wer in der Wissenschaft bleiben möchte, muss das machen", sagt sie heute, "die Abhängigkeiten sind enorm."

Ab wann ist man echter Forscher?

Dass es vor allem am Verständnis der betreuenden Professoren hapert, wird auch in einem Artikel deutlich, mit dem Peter Gruss, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, im "Tagesspiegel" auf die Berichterstattung von SPIEGEL ONLINE reagierte. Bei der Promotion handele es sich um "Lehrjahre im Labor", schreibt er. Er meint: Ein ganzer Wissenschaftler müsse man erst noch werden. Insofern würden die Stellen auch nicht ganz vergütet - und das sei "weitgehende Praxis an allen Forschungseinrichtungen und Universitäten".

Eine Haltung, mit der der MPG-Präsident prompt den Zorn der Doktoranden auf sich zog. Schon kurz zuvor hatte das PhDnet, in dem sich Doktoranden zusammengeschlossen haben, der Max-Planck-Gesellschaft in einem Artikel deutlich gemacht, dass eine Promotion mehr sei "als die Befriedigung persönlicher Eitelkeit". Doktoranden erbrächten einen wesentlichen Teil der Forschungsleistung an wissenschaftlichen Instituten. Die Bedingungen in Deutschland führten dazu, dass viele Nachwuchswissenschaftler spätestens nach der Promotion das Land verließen: "Denn auch im Postdoc-Bereich winken hierzulande nur magere Stipendien und befristete Verträge", schreiben die Doktoranden.

Das Ausland lockt mit besseren Bedingungen

Inzwischen startete auch eine Unterschriftenaktion für eine Petition, mit der die MPG-Doktoranden bessere Bedingungen fordern wollen. Es geht um eine höhere Bezahlung und die freie Wahl zwischen einem Vertrag und einem Stipendium. Darüber hinaus müssten Stipendiaten von den Aufgaben am Institut entbunden werden. Ende April hatten sie schon über 1000 Unterschriften gesammelt. Damit sich etwas ändert, ist vor allem die Politik gefragt. Denn es geht auch darum, den Nachwuchs in Deutschland zu halten. "Die Perspektive, dass man mit 40 vor dem Nichts steht, haben viele vor Augen", sagt Sabine Jung, Geschäftsführerin der German Scholars Organization, die sich dafür einsetzt, dass deutsche Wissenschaftler, die im Ausland forschen, wieder zurück nach Deutschland kommen.

Universitäten oder Forschungseinrichtungen in den USA zum Beispiel hätten ganz andere Modelle etabliert. "Über eine Stelle als Assistant Professor lässt sich viel leichter eine Karriere aufbauen", erklärt Sabine Jung. Denn anders als in Deutschland können diese Professoren eine unbefristete Stelle bekommen, wenn sie sich als Wissenschaftler bewähren, also viele Aufsätze publizieren oder Drittmittel einwerben. In Deutschland dagegen fehlt ein solches Karrieremodell für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Auch Juniorprofessoren müssen sich häufig neu bewerben, wenn ihre Stelle ausläuft.

Es wird wohl lange dauern, bis sich Politik und Wissenschaft dazu durchringen werden, etwas zu ändern. Und die Nachwuchskräfte als das anzusehen, was sie sind: gut ausgebildete junge Menschen, die als Forscher einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaftslandschaft in Deutschland leisten.

*Name geändert

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