Wissenschaftler im Ausland - Holt uns zurück!

Juli 2011 Spiegel Online

Weniger Bürokratie und Hierarchie, mehr Geld und Flexibilität: Arbeiten im Ausland ist für deutsche Wissenschaftler oft attraktiver. Trotzdem würden viele gern zurück in die Heimat - sofern die Bedingungen stimmen. Deshalb haben hundert Wissenschaftler eine Wunschliste an Bundespräsident Wulff geschickt.

von Marco Krefting

Studium, Promotion, ab ins Ausland - für viele junge Wissenschaftler ist das ein beinahe selbstverständlicher Weg. In vielen Fächern ist die Sprache der akademischen Welt ohnehin Englisch, gerade US-Hochschulen locken oft mit exzellenten Forschungsbedingungen, Möglichkeiten für frühes selbständiges Arbeiten und besseren Aufstiegschancen. Dagegen agieren deutsche Universitäten weit behäbiger und lassen jungen Forschern weniger Freiräume.

Viele sehen aber den Auslandsaufenthalt als Engagement auf Zeit. Nach ein paar Jahren wollen sie zurück, oft ist es eine Mischung aus beruflichen und privaten Gründen. "Ich habe die Zeit in den USA genossen, möchte aber jetzt erstmal in Wochenend-Entfernung zu meiner Familie leben", sagt Katrin Arnold, 34. Sie hatte in Heidelberg über Brustkrebs promoviert und forscht seitdem als Postdoktorandin an der Harvard Medical School mit Stammzellen. Jobangebote etwa in den USA oder der Schweiz beschreibt sie als "sehr oft spannender und attraktiver - Aufgaben mit mehr Verantwortung, internationalerem Umfeld, deutlich höherem Gehalt und besseren Entwicklungsmöglichkeiten".

So leicht geht das nicht mit der Rückkehr, stellte Arnold fest - weil die Kontakte über die Jahre einschlafen und "man die Trends am Arbeitsmarkt in Deutschland nicht ausreichend kennt". Die Distanz mache potentiellen Rückkehrern zu schaffen: "Aus zeitlichen und auch finanziellen Gründen ist es nicht möglich, mehrmals im Jahr 6000 Kilometer zu reisen, um auf Konferenzen oder Meetings in Deutschland Kontakte aufzubauen." Zudem werde man mit Mitte 30 als "schon recht alt" für den Berufseinstieg oder -wechsel gesehen.

Was sind Wissenschaftler wert?

So wie Arnold geht es vielen deutschen Wissenschaftlern: Schätzungen zufolge haben zuletzt jährlich rund 80.000 bis 100.000 deutsche Akademiker das Land verlassen; davon gingen bei weitem nicht alle in die Forschung. Aber allein an Forschungseinrichtungen in den USA arbeiten etwa 20.000 Deutsche, davon 5000 an US-Universitäten.

Zum Vergleich: Nach einer im Mai veröffentlichten Studie der Unternehmensberatung McKinsey fehlen bis 2025 in Deutschland bis zu 6,5 Millionen Arbeitskräfte, darunter rund 2,4 Millionen Akademiker. Viele von ihnen würden gern in ihre Heimat zurückkehren, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen würden.

Tut Deutschland dafür zu wenig? Jetzt haben sich hundert Wissenschaftler, die gern zurück nach Deutschland wollen, mit einer Wunschliste an Bundespräsident Christian Wulff gewandt. Fortschritte sehen sie durchaus: "Deutschland ist definitiv auf dem richtigen Weg", schreiben darin stellvertretend Katrin Arnold sowie Eva-Jasmin Freyschmidt von der Harvard Medical School in Boston mit Blick etwa auf Exzellenzinitiativen und Juniorprofessuren.

Ihre Forderungen: weniger Bürokratie und Hierarchie - mehr Geld und Flexibilität. Reine Lehr-Stellen sollen aufgebaut, gesetzliche Barrieren wie etwa bei der Stammzellforschung weggeräumt werden. Außerdem hapere es an der Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. "Perspektive bedeutet für uns auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie", sagen Arnold und Freyschmidt.

"Angst vor zu viel frischem Wind"?

Einige der Wissenschaftler berichten, abgelehnte Bewerbungen hätten ihre Rückkehrversuche gebremst. Als Gründe gaben sie bei einer Umfrage "Bedenken bezüglich der kulturellen Anpassung" an. Oder: "Mangel an Netzwerken in Deutschland". Denn viele Stellen würden über persönliche Kontakte vergeben. Manchen Wissenschaftlern scheint es, als herrsche an den Hochschulen wie auch in der Industrie eine "Angst vor zu viel frischem Wind und der Unglaube, dass man nach mehreren Jahren im Ausland überhaupt noch in ein deutsches System passe".

Ein teurer Verzicht für Deutschland: Rund 400.000 Euro koste etwa die Ausbildung eines Facharztes unter dem Strich, rechnet Sabine Jung von der German Scholar Organization vor. "Durch seine dauerhafte Auswanderung ins Ausland entgehen dem Staat zudem Einnahmen von circa 600.000 Euro. In dem Netzwerk organisieren sich ähnlich wie bei der Initiative GAIN (German Academic International Network) deutsche Hochqualifizierte, die ausgewandert sind.

Als Unterstützung bietet etwa der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) bis zu sechs Monate lange Rückkehrstipendien. Für promovierte Wissenschaftler gibt es je nach Alter monatlich zwischen 1365 und 1518 Euro. Ähnliche Möglichkeiten gibt es bei Stiftungen, Instituten und wissenschaftlichen Gesellschaften. Freyschmidt und Arnold beklagen jedoch: "Meist ist unklar, wie es nach der Erstförderung weitergeht."

Sabine Jung sieht im Bereich Wissenschaft jede Menge gute Maßnahmen, um auf die Abwanderung kluger Köpfe zu reagieren. "Die Zielgruppe des ausgewanderten Deutschen ist ein von den meisten Unternehmen bislang vernachlässigter Talentpool." Bundespräsident Christian Wulff sagt: "Wir müssen es schaffen, unserem wissenschaftlichen Nachwuchs hier eine Perspektive zu bieten - auch denen, die eine Zeit lang ins Ausland gegangen sind."

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