Von den Guten die Besten

Oktober 2005 FAZ.net

Karrieresprung

Von Herta Paulus

07. Oktober 2005 Gut 5.000 deutsche Nachwuchswissenschaftler arbeiten derzeit in den Vereinigten Staaten. Viele wollen zurück nach Deutschland, das im internationalen Wettbewerb durchaus Boden gutgemacht hat und dank eingeleiteter Reformen wieder attraktiv wird - nicht nur für deutsche Wissenschaftler.

Noch arbeitet Frank Rosenbauer als „Instructor” am Harvard Institute of Medicine in Boston in den Vereinigten Staaten. Sein Ticket nach Berlin aber ist schon gebucht. Oneway wohlgemerkt. Familie, Freunde, Kultur und eine attraktive berufliche Perspektive - in dieser Reihenfolge benennt der promovierte Biomediziner die Gründe für seine Heimkehr nach fünf Jahren Harvard. Zum ersten November tritt er am Max-Delbrück-Centrum (MDC) in Berlin seine neue Stelle als Nachwuchsgruppenleiter für den Bereich Krebsstammzellen an. Er komme gerne zurück, sagt Krebsforscher Rosenbauer. Aber er sagt auch: „Irgendwohin nach Deutschland wäre ich nicht zurückgegangen.”

Spitzenuniversitäten sind auch in den Vereinigten Staaten die Ausnahme
Wäre Rosenbauer Schauspieler, läge der Verdacht „Hollywood-Koller” nahe. Doch Rosenbauer ist Naturwissenschaftler. Und wer es in der international aufgestellten Wissenschaftswelt in die obere Liga bringen will, muß genau hinschauen, wohin er seinen nächsten Karriereschritt setzt. Irgendwo in Deutschland ist da ebenso kontraproduktiv wie irgendwo in Amerika. Denn Spitzenforschung, die findet auch dort gerade einmal an zwei Dutzend Universitäten statt, allen voran an den als „Ivy League” - titulierten Unis an der Ostküste und den Institutionen der „Bay Area” an der Westküste. Spitzenuniversitäten, die sind auch im apostrophierten Wissenschaftseldorado so rar wie unteres Mittelmaß die Norm ist.

Rosenbauers Haltung ist kein Einzelfall. Viele deutsche Nachwuchsforscher würden gerne zurückkehren, wenn die Bedingungen stimmen, weiß Eicke Weber, Vorstand der German Scholars Organization (GSO) mit Sitz in Berkeley. Um aktiv die Vernetzung zwischen deutschen Wissenschaftlern in den Vereinigten Staaten und Arbeitgebern aus Forschung und Industrie in Deutschland voranzutreiben, veranstaltet die Wissenschaftlervereinigung in regelmäßigen Abständen lokale und überregionale Treffen. Zudem organisiert sie online einen Talentpool, in den mittlerweile knapp 1.200 Adressen deutscher Nachwuchswissenschaftler hinterlegt sind.

Reformen mit Signalwirkung

Statt befristeter Verträge dauerhafte Perspektiven, flexiblere Beschäftigungsstrukturen, transparente und zügige Berufungsverfahren, die einheitliche Anerkennung akademischer Leistungen sowie eine bessere finanzielle Ausstattung lauten die Forderungen zahlreicher Nachwuchswissenschaftler. Als „Initiative Zukunft Wissenschaft” formulierten sie diese jüngst ” am Rande der GSO-Jahrestagung als einen „spontan entstandenen” offenen Brief an die Bundesbildungsministerin und die Wissenschaftsminister der Länder. „Wir sind überzeugt, daß die Umsetzung der hier genannten Punkte viele von uns zu einer Rückkehr nach Deutschland bewegen würden”, heißt es dort.

Auf verlorenem Posten kämpfen sie dabei längst nicht mehr. „Deutschland befindet sich im Umbruch. Die bereits eingeleiteten Maßnahmen verfehlen nicht ihre Signalwirkung”, bestätigt die promovierte Sozialwissenschaftlerin Katja Simons die neu gewonnene Anziehungskraft Deutschlands beim auslandsdeutschen Wissenschaftsnachwuchs. Optimismus paare sich mit Ungeduld und Unsicherheit, so die Leiterin des beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in New York angesiedelten Projekts „GAIN” der Förderorganisationen AvHumboldt-Stiftung, DFG und DAAD, das mit der GSO eng kooperiert.

Informationen über aktuelle Entwicklungen an deutschen Institutionen, Universitäten und Fachbereichen zu bündeln und via Newsletter und auf Veranstaltungen an die jungen Wissenschaftler weiterzugeben, hat bei Gain daher oberste Priorität. Und positive Nachrichten aus Deutschland, die Aufbruchstimmung vermitteln, haben keinen Seltenheitswert mehr. Das jüngst beschlossene 1,9 Milliarden Euro schwere Exzellenzprogramm des Bundes und der Länder etwa, das „viele Stellen für Nachwuchswissenschaftler schaffen wird,” wie Simons überzeugt ist. Oder die in jüngster Vergangenheit ins Leben gerufenen Nachwuchsgruppenleiter-Programme der Max-Planck-Gesellschaften, der Helmholtz-Gemeinschaft und des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie sowie das Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG.

Nachwuchsprogramme machen Karriere planbar

Germans only, diesen Stempel trägt keine dieser Initiativen, die eine frühe Förderung der Selbständigkeit von Nachwuchswissenschaftlern zum Ziel haben. „Sollten sie auch nicht”, meint der 37jährige Genforscher Dierk Niessing. Wie Frank Rosenbauer konnte auch er beim Nachwuchs-Programm der Helmholtz-Gemeinschaft punkten und erhielt damit nicht nur die Gelegenheit, selbständig und unabhängig zu forschen. Neben sehr guten Forschungsbedingungen bietet das Programm der Forschungselite vor allem eines: Die Aussicht auf eine planbare wissenschaftliche Karriere. Die positive Beurteilung durch ein internationales Fachgremien vorausgesetzt, mündet die fünfjährige „Testphase” in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Tenure track heißt dieses Verfahren, das an amerikanischen Universitäten gang und gäbe ist. In Deutschland hingegen ist es - noch - die Ausnahme.

Von einem ausgrenzenden deutschen Wir-Gefühl hält Niessing dennoch wenig. „Die Grundfrage sollte sein, ob man wirklich die besten Köpfe im internationalen Wettbewerb nach Deutschland holen kann, unabhängig von der Herkunft”, lautet sein Diktum. Von den Guten die Besten heiße schließlich die Brain-Gain-Devise in der deutschen Wissenschaftsgemeinde, ausschließlich deutsche Forscher zu umwerben verbiete sich von selbst. Lange genug habe die deutsche Wissenschaftslandschaft sich als weitgehend „geschlossene Gesellschaft” präsentiert.

Transparenz garantiert Reputation

Hart sei der Wettbewerb allemal. Aber auch lohnend. Nach viereinhalb Jahren in den Vereinigten Staaten, davon zwei bei einer privaten Firma im Biotech-Cluster San Diego ist Niessing nun dabei, am Münchner GSF-Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt eine Forschungsgruppe aufzubauen, an der strukturell und finanziell auch das Genzentrum der Universität München beteiligt ist. Neuland betrete man mit dieser gewollt engen Vernetzung von Forschungseinrichtung und Universität, schwärmt Niessing, der sich seiner „guten Position” durchaus bewußt ist. In einem mehrstufigen Wettbewerb mit externen Fachbegutachtungen und Präsentationen vor einem interdisziplinären Jury ausgewählt worden zu sein, bringt Transparenz und international Glaubwürdigkeit. „Das strahlt auch ins Ausland, auf die wissenschaftliche Reputation und nicht zuletzt auf die eigene Person.”

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