"CV of Failures": Schöner Scheitern

August 2016 Die Zeit, CHANCEN und CHANCEN Brief

(Anna-Lena Scholz) Kaum ein Wissenschaftler traut sich, über Misserfolge zu sprechen. Wir haben Forscher gebeten, es doch einmal zu versuchen. Herausgekommen sind Lebensläufe der anderen Art.

Vor Kurzem postete Johannes Haushofer, Assistant Professor in Princeton, einen CV of failures auf Facebook. Als Trost für die Abgelehnten. Sein Lebenslauf des Scheiterns wurde tausendfach geteilt. Tolle Idee, dachte ich. Lasst uns über das Scheitern reden! Eine Chronologie der Absagen und Kränkungen. Einen Anti-Lebenslauf! Um endlich die andere Seite der Karrieremedaille zu zeigen. Ich habe eine Liste mit Namen erstellt und die Wissenschaftler angeschrieben. Wollen Sie mit mir über das Scheitern reden? Tolle Idee, sagten sie. Aber bitte nicht mit mir!

Es gab drei Typen von Absagen. Erstens: Die angefragte Person antwortete nicht auf meine Anfrage. Schade, aber das täglich Brot journalistischer Arbeit. Zweitens: Begeisterung. Die ZEIT solle das Thema unbedingt bearbeiten! Nur man selbst wolle sich nicht exponieren. Drittens: Man könne den Anti-CV leider nicht ausfüllen – denn man sei nie gescheitert. Es habe halt immer alles geklappt. Insgesamt habe ich 20 Personen angeschrieben, darunter viele Frauen. Allesamt arrivierte und interessante Personen. Die einzige Frau, die sich bereit erklärt hat, mitzumachen, hat nach ihrer Promotion die Universität verlassen und arbeitet heute im Wissenschaftsmanagement.

Das hinterließ mich ratlos. Denn keine Woche vergeht, in der ich aus Gesprächen oder Konferenzen nicht vom Scheitern erfahre. Auf den akademischen Lebensläufen, die mir (mündlich) zugetragen werden, stehen verrissene Publikationen, geplatzte Rufe, nicht genehmigte Sonderforschungsbereiche und Hartz-IV-Monate. Beim zweiten Glas Wein höre ich von Habilitationstränen und verlorenen Machtkämpfen. Wenn ich vorschlage, in einem Zeitungsartikel diesen Kränkungen eine Stimme zu geben und das Persönliche zu politisieren, wird es still. Die befristete Stelle, die Kollegen, das System, ich wisse schon. Immerhin: Vier haben mitgemacht. Darunter auch ein Nobelpreisträger. Weiterlesen

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