Rückkehr der Elite

Februar 2012 manager magazin

von Christine Mattauch

Deutsche Wissenschaftler wollen heim

In aller Stille kehrt sich ein jahrelanger Trend zu Deutschlands Gunsten: In den USA, dem beliebtesten Auswandererland für Deutschlands Forscher, hat eine Gegenbewegung in die alte Heimat eingesetzt. Mehr und mehr Spitzenleute kommen zurück - aus handfesten Motiven.

New York - Mit dem Stipendium erfüllte sich für Melanie Wurm ein Traum. Zwei Jahre dürfte die promovierte Veterinärmedizinerin in Seattle arbeiten, am Fred Hutchinson Cancer Research Center - eine Topadresse weltweit, mit besten Bedingungen für junge Spitzenforscher. Bleiben jedoch wollte die 33-Jährige nicht. Nach Ablauf der Zeit bewarb sie sich ausschließlich jenseits des Atlantik, der Vertrag mit einem deutschen Arbeitgeber ist so gut wie unterschrieben. "Ich bin keine Ausnahme", sagt Wurm. "Das Gros meiner deutschen Kollegen will zurück."

Freiwillig zurück nach Deutschland - das war noch vor 10, 15 Jahren für die Wissenschaftselite kaum denkbar. Wer es geschafft hatte, eine internationale Spitzenposition zu ergattern, der blieb im Ausland, wissend, dass er ähnlich gute Bedingungen in Deutschland nicht vorfinden würde. Der sogenannte "Brain Drain" machte Schlagzeilen: vom Schwund des intellektuellen Kapitals war die Rede, vom Verlust der Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Doch nun hat sich, in aller Stille, der Trend umgekehrt: In den USA, dem beliebtesten Auswandererland, hat ein Exodus von Akademikern in die alte Heimat eingesetzt.

"Wenn man vor einigen Jahren das Thema Rückkehr ansprach, war die Standardreaktion: Was wollt ihr von uns? Ihr habt doch nichts zu bieten", sagt Irmintraud Jost, die in New York die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg vertritt. "Das hat sich ganz deutlich geändert." Auf einer jährlichen Veranstaltung für Rückkehrwillige des German Academic International Network (GAIN) fanden sich 2011 über 300 Wissenschaftler ein, dreimal so viel wie vor zehn Jahren. Auch an anderer Stelle haben die USA zunehmend Probleme. Tausende Einwanderer arbeiten in den USA und sorgen zwar weiterhin für Wachstum. Doch hoch qualifizierte Kräfte drohen dem Land den Rücken zu kehren. Sie, die Einwanderer, die nicht aus Deutschland in die USA kamen, zieht es indes vor allem nach Asien.

Die hochverschuldeten USA haben weniger Mittel zur Verfügung

Das hat viel mit der Situation nach der Wirtschaftskrise zu tun. Sie sorgte für hohe Ertragseinbrüche bei den Stiftungsfonds, die in den USA die Finanzierung der privaten Hochschulen sichern. Die Folge: Budgetkürzungen. Selbst die berühmte Ivy League setzte den Rotstift an - Dartmouth in Hanover (Massachusetts) kürzte zum Beispiel ihren 700-Millionen-Dollar-Etat 2009 um mehr als 10 Prozent. An der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Yale wurde 2011 keine einzige Stelle neu besetzt. Auch die öffentlichen Hochschulen sparen, weil der hochverschuldete Staat weniger Mittel zur Verfügung stellt. Immer häufiger passiert in Amerika das, was man bis heute deutschen Hochschulen vorwirft: Stellen für Jungakademiker werden, wenn überhaupt, befristet und ohne vorgezeichneten Karriereweg ("Tenure Track") ausgeschrieben.

Deutschland hingegen ist aufgewacht und wirbt aktiv um die Auslandselite. Sie ist begehrt, weil sie mit einem Zuwachs an fachlichem Wissen und kulturellem Verständnis ebenso wie mit internationalen Kontakten aufwarten kann. Auf 5400 Hochqualifizierte schätzt das Institute of International Education die Zahl der promovierten Deutschen an US-Hochschulen, hinzu kommen hunderte an privaten Forschungseinrichtungen und Labors. Auch in Unternehmen arbeiten Tausende potenzielle Rückkehrer.

In New York existiert ein engmaschiges Netz, um die ausgebüxten Akademiker wieder einzufangen. Verbindungsbüros einzelner Hochschulen, Ländervertreter und Repräsentanten von Forschungseinrichtungen belegen im Deutschen Haus in Manhattan, das auch das Generalkonsulat beherbergt, die komplette 15. Etage. Hinzu kommen Initiativen wie das vor zwei Jahren gegründete German Center for Research & Innovation (GCRI), das atlantikübergreifende Diskussionsforen organisiert.

Deutschland hat wieder etwas zu bieten

Ein eigener Kosmos ist da entstanden, mit dem German Academic International Network (GAIN) als Mittelpunkt. Die vor zehn Jahren gegründete Organisation koordiniert Treffen und Tagungen, auf denen die Wissenschaftler und Hochschulvertreter Kontakte knüpfen. Über ein Online-Verzeichnis vernetzt sie die Nordamerika-Deutschen auch untereinander und hält sie in einem monatlichen Newsletter über Stellenausschreibungen, Rückkehrstipendien und Veranstaltungen auf dem Laufenden. "Keiner kann heute mehr sagen, es werde sich nicht um ihn gekümmert", sagt Katja Simons, Leiterin von GAIN in New York.

Melanie Wurm etwa kam mit einem Stipendium in die USA, das vom Deutschen Akademische Auslandsdienst (DAAD) betreut wurde. Der Sachbearbeiter machte die junge Wissenschaftlerin gleich auf den GAIN-Newsletter aufmerksam. Dort fand sie einen Hinweis auf die European Career Fair in Boston, zu der sie hinflog, ausgestattet mit einem komfortablen Reisekostenzuschuss. Und sie besuchte die Jahrestagung von GAIN, wo sie von einer weiteren Organisation unter die Fittiche genommen wurde, der German Scholars Organization (GSO). Die sorgte dafür, dass Wurms Bewerbungsunterlagen auf den richtigen Schreibtischen landeten. Wurm war angenehm überrascht: "Es ist schon toll, so eine Wertschätzung zu erfahren."

Etat für Forschungsgruppen: Spezielle Anreize für Heimkehrer

Während in den USA die Forschungsmittel gekürzt wurden, "ist in Deutschland das Gegenteil passiert", sagt Andrea Adam Moore, die in New York für die Freie Universität Berlin und die Ludwig-Maximilians-Universität München wirbt. Die Exzellenzinitiative hat tausende Stellen geschaffen. Heimkehrer profitieren darüber hinaus von speziellen Anreizen: Nordrhein-Westfalen etwa hat ein "Programm zur Förderung der Rückkehr des wissenschaftlichen Spitzennachwuchses aus dem Ausland" aufgelegt. Die Begünstigten können an einer NRW-Hochschule ihrer Wahl eine Forschungsgruppe aufbauen - ausgestattet mit 1,25 Millionen Euro. Das lockte beispielsweise den Nanophysiker Thomas Taubner von der Eliteuniversität Stanford zurück nach Aachen.

Der DAAD, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Stiftungen und Forschungsorganisationen bieten eine eindrucksvolle Palette von Rückkehrstipendien, Reisekostenzuschüssen und großzügigen Förderungen wie das Emmy-Noether-Programm für Post-Docs mit internationaler Forschungserfahrung. Und die Hochschulen überbieten sich mit Angeboten: Viele haben einen "Dual Career Service", der sich darum kümmert, dass auch der Lebenspartner eine Anstellung findet.

Was Unis in Heidelberg, Duisburg-Essen und Berlin für Heimkehrer tun

Heidelberg hat darüber hinaus ein "Welcome Centre" eingerichtet, dessen Service von der Wohnungssuche bis zur Suche nach einem Kindergartenplatz reicht. Duisburg-Essen fördert die Internationalität durch ein Prorektorat "Diversity Management", die Westfälische Wilhelms-Universität Münster hat sich als familiengerechte Hochschule zertifizieren lassen. Die FU Berlin wiederum wirbt mit einer speziellen Abteilung, die Forscher bei der Beantragung von Drittmitteln unterstützt.

Nicht jeder lässt sich freilich locken. Der Ökonom Dirk Bergemann etwa, seit 1995 in Yale, kann sich eine Rückkehr nach wie vor nicht vorstellen, und das nicht nur, weil er in New Haven inzwischen Familie hat. "Es geht in Deutschland in die richtige Richtung, aber zu langsam", meint Bergemann.

Deutsche Gehälter als Makel

In seinem Fach biete die alte Heimat immer noch zu schlechte Bedingungen - zu viele Junior- und zu wenige ordentliche Professuren, zu kleine und mittelmäßig besetzte Fakultäten. Und schließlich die deutschen Gehälter - "man müsste sie mit dem Faktor 1,5 bis 2 multiplizieren, damit sie international konkurrenzfähig sind".

Für Melanie Wurm hingegen sind nach zwei Jahren Seattle die Vorzüge des deutschen Systems erst richtig deutlich geworden - von der guten Labor-Infrastruktur über den geradlinigen Austausch mit Kollegen bis zur gesellschaftlichen Solidarität. Es stört sie, dass immer noch rund 50 Millionen Amerikaner keine Krankenversicherung besitzen. "Wir machen in Seattle zwar Spitzenforschung bei der Krebstherapie", sagt sie, "aber von den Ergebnissen profitiert nur eine Minderheit."

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