Rückholaktion für Elite-Forscher

September 2004 Die Welt

Verein in den USA bringt Wissenschaftler und deutsche Industrie zusammen

Von Lennart Paul

San Fransico - Die Erfahrung, die Eicke Weber im Jahr 1983 machte, schmeichelte dem jungen Physiker: Weber hatte sich kurz zuvor in Köln habilitiert, vier Jahre lang war er als Postdoc an der State University of New York tätig. Er suchte gerade eine Stelle, als die Universität von Berkeley in Kalifornien ihn einlud, sich auf einen Posten zu bewerben. Der Deutsche schlug 106 Mitbewerber aus dem Rennen und fing an der renommiertesten öffentlichen Universität der USA an. "Für mich war diese aktive Kandidatensuche der Universität etwas ganz Neues", sagt er. "Deutsche Universitäten denken selbst heute noch nicht daran, um junge Wissenschaftler zu werben."

Während er dies feststellt, sieht er eher erstaunt als verärgert aus - als könne er diese geringe Flexibilität nicht begreifen. In den mehr als zwei Jahrzehnten, die Weber in Kaliforniens lehrt und forscht, hat er eine Vielzahl andere Deutsche getroffen - vom Studenten bis zum Professor - und eine zweite wichtige Erfahrung gemacht: "Die jungen Deutschen werden zwar von Organisationen in die USA geschickt, aber hinterher kümmert sich niemand mehr um den viel versprechenden Nachwuchs. Das Fördergeld reicht, die Leute fortzuschicken, aber nicht, um sie zurückzuholen."

Mit diesen Erfahrungen hat Eicke Weber im Juni 2003 in San Francisco die German Scholars Organization (GSO) mitgegründet, deren Präsident er ist. Die GSO hat zum Ziel, die Abwanderung der Besten aus Deutschland zu stoppen. Deutsche Unternehmen und Universitäten sollen stattdessen von deren Erfahrungen profitieren und adäquate Stellen anbieten. Dabei geht die GSO, an der Vertreter der Wissenschaft und der Wirtschaft beteiligt sind, zweigleisig vor: Die deutschen Nachwuchswissenschaftler im Ausland sollen sich auf der Internet-Seite eintragen, Kontakte knüpfen, ein Netzwerk bilden. Und sie sollen mit deutschen Unternehmen, Universitäten und Organisationen ins Gespräch kommen, um am Ende vielleicht einen Arbeitsvertrag in Deutschland abzuschließen.

Laut Statistiken des US Census Bureau arbeiten zurzeit 6000 Deutsche als Postdocs in den Vereinigten Staaten, mehr als 18 000 Deutsche mit Universitätsabschluss sind in der amerikanischen Wissenschaft und Forschung tätig. Gesicherte Zahlen, wie groß der Anteil deutscher Wissenschaftler ist, die nach einem Gastaufenthalt in den USA bleiben, gibt es nicht. Schätzungen gehen davon aus, dass nahezu jeder Dritte aus dem Ausland nicht zurückkehrt. "Dabei weiß ich von vielen Stipendiaten, dass fast alle nach ihrer Auslandserfahrung gern in Deutschland arbeiten möchten", sagt Eicke Weber.

Diesen Eindruck bestätigt Wolfgang Benz von der Schering AG, Mitgründer und Vizepräsident der GSO: "Die exzellenten deutschen Wissenschaftler in den USA haben den Eindruck, dass sie in Deutschland gar nicht erwünscht sind." Für Benz füllt die GSO eine eklatante Lücke: "Weder die Universitäten noch die Forschungseinrichtungen oder die forschende Industrie haben bisher Zugang zu diesen Wissenschaftlern gehabt." Von der Bundesregierung hatten sich die GSO-Gründer eine Anschubfinanzierung erhofft. Stattdessen warteten sie monatelang auf eine Antwort, bis das Bundesforschungsministerium sich für die gute Idee bedankte, aber eine Finanzierung ablehnte.

Dass die German Scholars Organization heute trotzdem existiert, dafür sorgten vor allem die Robert-Bosch-Stiftung, aber auch die Volkswagen-Stiftung und der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft. Deren Mittel reichen bis Ende 2005, anschließend will die GSO sich selbst finanzieren. Das Geld soll durch die Jobbörse einkommen, die sich auf der Internet-Seite befindet. Dort können Arbeitgeber gegen ein Entgelt nach geeigneten Bewerbern mit Arbeitserfahrung in den USA suchen. Zurzeit stehen etwas mehr als 50 Anzeigen auf der Seite.

Einmal pro Jahr führt die GSO Arbeitgeber und junge Wissenschaftler zusammen. Am 17. und 18. September reisten mehr als 200 Scholars nach Boston. Neben Vorträgen von Unternehmenschefs, Politikern und Wissenschaftlern konnten die Gäste auch Kontakte zu Firmen knüpfen und sich nach Arbeitsmöglichkeiten erkundigen. An dieser Arbeitsbörse beteiligten sich unter anderen Altana, BMW, Degussa, McKinsey und Schering. Auch Universitäten wie die TU Darmstadt, die Universitäten Düsseldorf und Hannover suchten nach Nachwuchs. "Mehr als 30 Scholars haben Kontakte zu Schering geknüpft", sagt Wolfgang Benz und ist mit dieser Resonanz sehr zufrieden.

Jan Schmoranzer ist einer dieser Interessenten. Seit neun Jahren arbeitet der 35-jährige Zellbiologe an der Columbia University in New York. Er würde gern nach Deutschland zurückkehren und in der Industrie oder bei einem Forschungsinstitut arbeiten. Doch über die Jahre hat er die Verbindungen verloren, nur zu seinem Berliner Doktorvater besteht noch Kontakt. Schmoranzer ist froh, dass durch die jährlichen Treffen endlich "eine Bewegung in Gang gesetzt" wird: "Die Netzwerke sind der richtige Weg", sagt er: "Ich bin mir bloß nicht sicher, ob auch die Politik die nötigen Voraussetzungen schaffen wird."

Nach Webers Ansicht hat man sich in Deutschland zu lange darauf verlassen, als Forschungs- und Wissenschaftsstandort so gut zu sein, dass die jungen Deutschen von allein zurückkämen. Während mit der Gründung der GSO und der Arbeit von GAIN, einer in New York ansässigen Organisation, die die gleichen Ziele verfolgt und eng mit der GSO zusammenarbeitet, die ersten Werbungsschritte gemacht werden, haben andere Länder wie Taiwan seit Jahren Headhunter im Einsatz, die die in den USA lernenden Taiwanesen nicht aus den Augen lassen.

Das Internet-Forum der GSO kann jetzt der entscheidende Schritt sein, dieses Versäumnis auszugleichen. Bisher haben sich mehr als 500 junge Deutsche eingetragen. Weber und seine Mitstreiter wollen bis Jahresende bei 1000 liegen und mehr Firmen gewonnen haben, die Arbeit anbieten. "Schließlich handelt es sich bei den in den USA tätigen Deutschen um eine Elite, die man gewinnen muss, um die deutsche Stellung in einer Welt aufrechtzuerhalten", sagt Eicke Weber. Wolfgang Benz ergänzt: "Wir müssen versuchen, den ,Brain drain" in einen ,Brain gain" zu verwandeln."

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