Jung, brillant und im Ausland

September 2015 Süddeutsche Zeitung

Jedes Jahr verlassen rund 25 000 hochqualifizierte Fachkräfte die Bundesrepublik, weil ihnen anderswo mehr geboten wird. Inzwischen bemühen sich mehrere Organisationen, diesen Trend umzukehren. Das ist nicht einfach.

von Kathrin Werner

SAN FRANCISCO–. Die Begrüßungsformel ist endlos. „Sehr geehrte Ministerin, sehr geehrte Staatssekretärin . . .“, sagt die Rednerin. „Sehr geehrter Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, sehr geehrte Generalsekretärinnen und Generalsekretäre, sehr geehrte Teilnehmer . . .“ Titel um Titel, Name um Name, nach Wichtigkeit geordnet. Cindy Ast sitzt im Publikum und grinst. „Das war so typisch Deutsch“, sagt sie. „Nach all der Zeit in Amerika bin ich das nicht mehr gewöhnt.“ Ast ist Biophysikerin. Die 32-Jährige forscht an der Carnegie Institution for Science an der Stanford University in Kalifornien daran, wie man Varianten fluoreszierender Proteine in Pflanzen einbringen kann, um für das menschliche Auge unsichtbare Vorgänge sichtbar zu machen.

Ast hat die besten deutschen Adressen in ihrem Lebenslauf: Max-Planck-Institut, Fraunhofer-Gesellschaft, Deutscher Akademischer Austauschdienst. Sie hat einen Doktor in Physikalischer Chemie, summa cum laude, spricht vier Sprachen und war für Praktika in Australien und England. Und sie istweg.Weg aus Deutschland. „Ich habe hier alle Möglichkeiten und komme schneller voran“, sagt sie. „Die Leute sind nett und viel offener, es gibt mehr Austausch. In Deutschland habe ich manchmal etwas alleine dagestanden.“ Wenn sie bei einem Problem nicht weiterkommt, fragt sie hier in Stanford einfach Kollegen oder die Professoren. Jeder antwortet sofort auf E-Mails. Jeder redet mit jedem, sagt sie. „Und ich liebe Kalifornien.“

Ast ist einer der Menschen, für die all die Ministerinnen, Präsidenten und Rektoren nach San Francisco zur Jahrestagung des German Academic InternationalNetworks (GAIN) geflogen sind. Siewollen junge Forscher wie Ast zurück nach Deutschland locken. Diekannsichzwar vorstellen, irgendwann zurückzukehren,wegen der Familie, der besseren Krankenkasse und sozialen Absicherung. Die Deutschen brauchen aber gute Argumente. Cindy Ast ist seit fast zwei Jahren hier, fährt gern Fahrrad mit Blick auf den Pazifik. „Ich bin ein Sommertyp“, sagt sie. „Und im Silicon Valley trifft man überall interessante Leute.“

Deutschland verliert pro Jahr rund 25 000 Staatsbürger durch Abwanderung –vor allem junge, gut Qualifizierte. Der sogenannte Brain-Drain betrifft viele Fachgebiete. So haben zum Beispiel rund 19 000 Ärzte in den vergangenen zehn Jahren das Land verlassen. Obwohl auchMenschen zuwandern, verliert Deutschland Wissenschaftler – und die Rückkehrer publizieren weniger als die Abwanderer, kritisiert die Expertenkommission Forschung und Innovation: „Insbesondere für die Besten scheint das deutsche Forschungssystem derzeit nicht attraktiv genug zu sein.“ US-Unternehmen, besonders im Silicon Valley, werben die Besten direkt von den Universitäten ab – Google oder Facebook ist es egal,woher sie kommen. Auch amerikanische Universitäten suchen weltweit. „Viele holen ihre Wunschkandidaten vom Flughafen ab, zeigen ihnen die Stadt, laden sie zum Dinner ein, stellen Kollegen vor und suchen eine Stelle für den Partner“, sagt Sabine Jung, Geschäftsführerin der German Scholars Organization (GSO). „In Deutschland fühlen sich viele Wissenschaftler eher wie Bittsteller. Sie haben um 10.30 Uhr zum Vorstellungstermin zu erscheinen, sollen häufig die Reisekosten selber tragenunddanndauern die Berufungsverfahren Jahre.“ Die meisten, die sie bei denGAIN-Konferenzen trifft, kehren nicht zurück nach Deutschland – obwohl sie ja kommen, weil sie rückkehrwillig sind. DieGSO, ein gemeinnütziger Verein, unterstützt deutsche Akademiker bei der Rückkehr und stellt Universitäten Geld zur Verfügung, um Top-Wissenschaftler abwerben zu können – unter anderem für Reisekosten. „Deutschland kann es sich nicht leisten, Top-Talente auszubilden, sie mit Stipendien ins Ausland zu schicken und sie dann zu verlieren“, sagt Jung. Für die jungen Wissenschaftler im Ausland ist es schwer, von deutschen Jobs überhaupt zu erfahren, wenn sie kein Netzwerk mehr in Deutschland haben. Sie müssten sich dauernd durch Dutzende Websites klicken. Rund 5000 deutsche Akademiker arbeiten an Hochschulen in den USA, 20 000 weitere an Forschungseinrichtungen. Dort haben sie mehr Sicherheit als in Deutschland, wo die Entscheidung, ob jemand im wissenschaftlichen System bleiben kann, erst sehr spät fällt: meist erst mit Anfang 40. Es gibt vor allem im Vergleich mit den USA wenige Professuren und fast alles, was Universitäten davorbieten, sind befristete Stellen. Wer Professor werden will, muss sich zudem beweisen, vor allem durch möglichst viele Veröffentlichungen. In einer Zeit, in der junge Wissenschaftler Familien gründen wollen, müssen sie mit langen Arbeitszeiten, ständiger Unsicherheit, häufigen Umzügen und schlechten Gehältern leben. In den USA gibt es Stellen, bei denen schon Jahre im Voraus feststeht, dass der Wissenschaftler einmal Professor wird, wenn er nichts falsch macht. Tenure Track nennt man das.

70 Aussteller, darunter Universitäten aus dem ganzen Land, Forschungseinrichtungen wie das Max-Planck-Institut und Unternehmen wie Zeiss, KWS Saat oder Boston Consulting werben bei GAIN um die Leute, die Deutschland zurückhaben will. Manche Jungwissenschaftler tragen Anzug und Krawatte für den Anlass, andere sind in T-Shirt und Rucksack unterwegs. Massachusetts Institute of Technology, ETH Zürich oder Stanford University stehen auf ihren Namensschildern. Sie haben Praktika bei der US-Raumfahrtbehörde Nasa gemacht, forschen an winzigen Robotern oder Raketenantrieben,wollen Alzheimer heilen oder bessere Batterien für Elektroautos entwickeln. Auf der Konferenz hören sie zu, wie die Politiker ihnen erklären, wie viel besser es für junge Wissenschaftler inzwischen in Deutschland ist. „Der Weg zurück nach Deutschland lohnt sich“, sagt etwa Cornelia Quennet-Thielen, StaatssekretärinimBundesministerium für Bildung und Forschung. Besonders die Exzellenzinitiative habe sich als Erfolg entpuppt.Mit rund 540 Millionen Euro hat das Programm seit 2006 die Spitzenforschung an deutschen Unis unterstützt. Die Zahl wissenschaftlicher Publikationen an den Universitäten der Exzellenzinitiative ist stark gestiegen, in den Fächern Physik und Chemie zum Beispiel um 43 Prozent zwischen 2002 und 2013. „Das Programm kennt man auch im Ausland, es hat die deutsche Spitzenforschung international bekannter gemacht“, lobt Quennet-Thielen. Es sei Geld da für Wissenschaft in Deutschland. Der Haushalt ihres Ministeriums habe sich in zehn Jahren mehrals verdoppelt.

Aber es genügt nicht. „Vieles ist besser geworden in den vergangenen 15 Jahren, vor allem gibt es inzwischen ein Bewusstsein, dass wir in einem weltweiten Wettbewerb stehen“, sagt Jung von der Rückkehrer-Organisation GSO. „Aber die Strukturen haben sich noch nicht genug geändert. Deutschland darf sich auf dem Erreichten nicht ausruhen.“ In diesen Monaten tut sich etwas. Der Bund hat beschlossen, die Exzellenzinitiative über 2017 hinaus zuverlängern. Auch bei den kurzfristigen Verträgen soll sich etwas ändern. Das Bundeskabinett hat gerade einen Gesetzentwurf verabschiedet, der verlässlichere Karrierewege ermöglichen und das verhasste Wissenschaftszeitvertragsgesetz verbessern soll. Doch genug Stellen mit Tenure Track wird es auch in Zukunft nicht geben.

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