"Ich wollte immer zurück!"

Januar 2010 ZDF online

Eicke Weber gehört zu Deutschlands renommiertesten Wissenschaftlern: Seit vier Jahren leitet der Physiker das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg. Das größte seiner Art in Europa. Außerdem lehrt er angewandte Physik an der Universität Freiburg. Für seine Forschung wurde er vielfach ausgezeichnet, sogar mit dem Bundesverdienstkreuz. Eine Bilderbuch-Karriere, die der 60-jährige nur machen konnte, weil er auswanderte.

Interview mit Professor Eicke Weber, der wieder in Deutschland arbeitet.

ZDF.online: Warum sind Sie ausgewandert?

Professor Eicke Weber: Ich habe eigentlich nie daran gedacht, Deutschland zu verlassen. Aber als ich mich 1983 in Köln habilitiert hatte, gab es an deutschen Universitäten keine Stellen für Physiker. In Nordrhein-Westfalen wurden gerade 30 Prozent der Professuren gekürzt. Ich habe einfach keine Anstellung gefunden. Und da kam das Angebot aus Berkeley, Kalifornien.

ZDF.online: Eine der amerikanischen Elite-Universitäten?

Weber: Ja, die wollten mich als Assistant Professor. Schon das war ein Riesen-Unterschied zu Deutschland. Hier muss man sich bewerben, die amerikanischen Universitäten sprechen direkt die besten Leute an - da fühlt man sich natürlich geehrt, wenn man so wie ich ein Angebot bekommt. Und dann bedeutete das für mich auch: ein höheres Gehalt als in Deutschland - gerade mit dem damaligen Dollarkurs - und bessere Karrierechancen.

ZDF.online: Wie sehen diese Chancen für Nachwuchswissenschaftler genau aus?

Weber: In den USA gibt es den "tenure track": Ich habe als Assistant Professor angefangen und nach sechs Jahren war ich Full Professor. Das heißt, wenn man einer amerikanischen Uni anfängt, dann hat man gleich volle Mitsprachrechte, hat alle Möglichkeiten, Geld für seine Forschungsprojekte zu sammeln. So leitete ich nach einem Jahr in den USA die größte Projektgruppe in meinem Department. Und außerdem bekommt man als junger Wissenschaftler die Chance auf Festanstellung. Wer sich im tenure track bewährt, der bekommt eine volle Professur angeboten.

ZDF.online: Wie wären dagegen Ihre Chancen in Deutschland gewesen?

Weber: Ganz ehrlich, nach den ersten zwölf Monaten in Berkeley bekam ich eine Professur an der Uni Duisburg angeboten. Noch ein Jahr vorher hätte ich mich darüber enorm gefreut. Aber jetzt: Kalifornien gegen Duisburg eintauschen? Und damit die Möglichkeit, an einer Eliteuni zu forschen? Das kam für mich nicht mehr in Frage.

ZDF.online: Sind die Forschungsbedingungen an amerikanischen Unis denn so viel besser als in Deutschland?

Weber: Von der Ausstattung der Professuren war zumindest in den 80er Jahren kein großer Unterschied. Aber in den USA schafft man für begabte Nachwuchswissenschaftler Räume, in denen sie frei ihre Ideen entwickeln können. In Deutschland ist man in starre Hierarchien eingebunden, als junger Professor hat man einfach nicht die gleichen Rechte wie die Altgedienten. Außerdem darf man nicht vergessen: In Deutschland steckt man im akademischen Mittelbau fest. Anders als in den USA, wo man bei Bewährung zum Full Professor aufsteigen kann, gibt es bei uns keine Stellengarantie. Häufig müssen Juniorprofessoren den Standort wechseln, um aufzusteigen.

ZDF.online: Warum ist das problematisch?

Weber: Gerade in den Naturwissenschaften hat man ein Laboratorium aufgebaut mit experimentellen Apparaturen. Wenn man dann für eine bessere Stellung an eine andere Uni wechseln muss, überlegt man zwei Mal, wieder von vorne anzufangen, alles neu aufzubauen und das auch noch finanziert zu bekommen.

ZDF.online: Trotzdem sind Sie wieder nach Deutschland zurückgekehrt!

Weber: Ich wollte immer zurück, es fehlte nur das richtige Angebot - siehe Duisburg. Und wenn man mal, wie ich in Berkeley, einen gewissen Status erreicht hat, dann will man nicht zurückstecken. Auch finanziell nicht. Deswegen war ich froh, als man mir 2006 anbot, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme zu werden. Und dann spielte da auch ein persönlicher Grund eine Rolle: Ich habe meine jetzige Frau, eine Deutsche, auf einem Flug von San Francisco nach München kennengelernt. Es war ihr erster Besuch als Touristin in den USA. Ja, und jetzt sind wir beide zusammen hier.

ZDF.online: Sie haben sich schon vor Ihrer Rückkehr für eine bessere Vernetzung von deutschen Wissenschaftlern im Ausland mit ihrer Heimat eingesetzt. Warum?

Weber: Ich habe den Kontakt zu Deutschland nie verloren. Mir fiel auf, dass die deutschen Wissenschaftler im Ausland überhaupt nicht vernetzt sind. Und als auf einer Tagung ein Mitarbeiter eines deutschen Pharmaunternehmens mich ansprach, dass dieses Potential, diese gut ausgebildeten, deutschen Nachwuchskräfte, gar nicht für ihre alte Heimat genutzt werden könnten, da sah ich Handlungsbedarf. 2003 gründete ich die German Scholar Organization, die nicht nur deutsche Wissenschaftler im Ausland untereinander und mit der heimischen Industrie vernetzt. Wir holen auch deutsche Wissenschaftler wieder zurück.

ZDF.online: Wie geht das?

Weber: Die Krupp-Stiftung kam 2006 auf uns zu: 'Wir finden gut, was Ihr macht. Wie können wir Euch unterstützen?' Und dann gaben sie uns richtig Geld an die Hand. Inzwischen sind es über fünf Millionen Euro, um deutsche Spitzenkräfte wieder zurückzuholen. Wir unterstützen Bewerber bei den Kosten, wenn sie zu Vorstellungsgesprächen anreisen. Und fördern die Ausstattung von Lehrstühlen mit bis zu 100.000 Euro. Mit diesem Programm allein haben wir schon 30 Professoren wieder nach Deutschland geholt.

ZDF.online: Was muss sich ändern, damit der Standort Deutschland für Spitzenforscher wieder interessant wird?

Weber: Ich denke, dass wir mit der Juniorprofessur und mit der Exzellenzinitiative schon den richtigen Weg eingeschlagen haben. Wir dürfen nur nicht stehenbleiben. Wir brauchen finanziell selbstständige Universitäten mit einem globalen Budget und mehr Chancen, Gelder einzuwerben. Außerdem mehr Möglichkeiten, Karrieren nicht streng nach Hierarchien zu gestalten. Und das Besoldungssystem muss sich ändern. Geld ist nicht alles. Aber gerade Nachwuchswissenschaftler, die eine Familie gründen wollen, brauchen sichere und finanziell abgesicherte Karrierechancen. Wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen - als die deutschen Universitäten noch Weltrang hatten.

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