Hin und weg für die Wissenschaft

Oktober 2015 Frankfurter Allgemeine (FAZ)

Viele Nachwuchsforscher träumen davon, an einer ausländischen Elite-Uni zu arbeiten. Doch nicht immer werden sie dort glücklich. Eine Chance für jene, die den „Brain Drain“ umkehren wollen.

von Kerstin Pasemann

Auch im Forscherparadies Harvard wird nicht jeder glücklich. So exzellent die Arbeitsbedingungen auch sind - Daniela Krause fühlte sich am Ende dort unwohl. „Nach 14 Jahren in der amerikanischen Kultur sehnte ich mich nach einem mehr europäischen Lebensstil“, sagt die Medizinerin. Im vergangenen Jahr wechselte sie von der Elite-Uni bei Boston an das Frankfurter Georg-Speyer-Haus, wo sie mit ihrer Arbeitsgruppe nach neuen Therapien gegen Leukämie sucht.

Auslandsaufenthalt oft nur eine Episode im Lebenslauf

Nicht nur die von ihr empfundene soziale Kälte hat Krause aus den Vereinigten Staaten vertrieben. Die 42 Jahre alte Frau sah für sich auch beruflich kein rechtes Fortkommen mehr. Amerika investiere immer weniger Geld in die Wissenschaft, klagt Krause. Als sie die Chancen auf weitere Förderung schwinden sah, begann sie, sich nach einer neuen Stelle umzuschauen.

Für viele Nachwuchsforscher sind die Vereinigten Staaten das Land ihrer Träume. An den amerikanischen Hochschulen sind laut Deutschem Akademischem Austauschdienst (DAAD) derzeit rund 10.000 Studenten aus der Bundesrepublik eingeschrieben. Hinzu kommen mehr als 6000 Wissenschaftler, die schon einen Doktortitel haben. Für viele bleibt der Auslandsaufenthalt eine - hoffentlich karrierefördernde - Episode im Lebenslauf.

Von den Deutschen, die im Ausland promoviert werden, kommen nach Angaben der German Scholars Organization, die Forscher aus dem Ausland zur Rückkehr bewegen will, im Durchschnitt rund 80 Prozent zurück. Bei Medizinern liege die Quote niedriger. In diesem Fach zumindest wird der oft beklagte „Brain Drain“ Wirklichkeit: Hochqualifizierte Nachwuchskräfte wandern aus ihrer Heimat ab, die dadurch wirtschaftliche und intellektuelle Verluste erleidet.

Höheres Budget, bessere Unis

Dabei gibt es gute Gründe, sein Forscherglück in Deutschland zu suchen. Der Volkswirt Rüdiger Bachmann, der von der Universität in Michigan erst nach Aachen und dann an die Universität Frankfurt wechselte, schätzt nach eigenen Worten die unglaubliche Freiheit, die man als Professor an deutschen Hochschulen genieße. Deutschland stehe im internationalen Vergleich nicht so schlecht da; auch hier gedeihe Spitzenforschung. Die amerikanische Hochschullandschaft wiederum sei viel heterogener. In den Vereinigten Staaten gebe es viele arme und deshalb schlechte Universitäten.

Auf der anderen Seite könne sich keine deutsche Hochschule mit den dortigen Elite-Unis messen, deren Budgets viel größer seien. Beeindruckend ist aus Bachmanns Sicht nicht nur die Ausstattung, sondern auch die Mentalität in den Top-Instituten jenseits des Atlantiks. „In Amerika ist man viel näher an dem dran, was gerade passiert, jedenfalls in der Ökonomik.“ Medizinerin Krause sieht das ähnlich. „Es ist wie ein brodelnder Kessel. Alle sind hier, um etwas Großes zu erreichen“, sagt sie über Harvard. Anders als in Deutschland werde man dort „nicht in eine Schublade gesteckt, sondern die Schublade wird um einen herum gebaut“.

Die Rückkehr wird unterstützt

Unter solchen Voraussetzungen ist es nicht leicht, kreative Köpfe nach Deutschland zurückzulocken. Versucht wird es trotzdem, auf viele verschiedene Arten. Der DAAD zum Beispiel vergibt Rückkehrstipendien, die Deutsche Forschungsgemeinschaft Heisenberg-Professuren für besonders vielversprechende Nachwuchskräfte. Auch die Else-Kröner-Fresenius-Stiftung mit Sitz in Bad Homburg unterstützt zusammen mit der German Scholars Organization deutsche Universitäten bei der Berufung von Spitzenforschern. Diese Hilfe ist nicht schlecht dotiert: Eine Professur kann mit bis zu 250.000 Euro gefördert werden, das entspricht etwa einem Drittel des Nobelpreisgeldes. Ein solcher Zuschuss kann darüber entscheiden, ob eine Berufung gelingt oder nicht.

An der Frankfurter Universität kümmert sich ein sechsköpfiges Team um ausländische Forscher und Rückkehrer. Paten bringen ihnen das Frankfurter Leben näher; Behördengänge sollen erleichtert werden. Besonders geachtet wird auf Familienfreundlichkeit. Für Wissenschaftlerpaare aus dem Ausland ist es wichtig, dass beide Partner ihre Karriere am neuen Ort fortsetzen können.

Akademiker als wichtiger Standortfaktor

Wie entscheidend persönliche Bindungen sind, zeigt das Beispiel von Rüdiger Bachmann. Seiner Familie zuliebe kehrte der 1974 geborene Ökonom im vergangenen Jahr von Frankfurt zurück nach Amerika. Dafür nahm er sogar einen Statusverlust in Kauf: In Frankfurt war er ordentlicher Professor, an der Universität Notre Dame in Indiana ist er als „Associate Professor“ angestellt.

Aus Sicht der deutschen Standortpfleger ist eine Entscheidung, wie sie Bachmann getroffen hat, eine Niederlage. Denn gerade die Rückkehrer sind nach Ansicht von Förderern wie der German Scholars Organization besonders wertvoll für die heimische Forschungslandschaft. Da sie andere Wissens- und Arbeitskulturen kennengelernt hätten, könnten sie Institutionen tiefgreifend verändern, Forschung und Lehre verbessern. Auch belebende Effekte auf die Wirtschaft seien möglich. Gerade am Finanzplatz Frankfurt gründeten nicht wenige kluge Köpfe ihr eigenes Unternehmen. So seien Akademiker „ein entscheidender Standortfaktor“. Die Attraktivität einer Region steige, was wiederum neuen Nachwuchs anziehe.

Nachdem Daniela Krause sich entschlossen hatte, Harvard zu verlassen, war ihre erste Wahl allerdings nicht das Rhein-Main-Gebiet, sondern Cambridge. Mit der Drittmittel-Zusage eines Förderers hätte sie an der englischen Spitzen-Uni anfangen können, aber ihr Antrag war noch nicht genehmigt. Als das Georg-Speyer-Haus von Krauses Option erfuhr, „machten sie mir ein großartiges Angebot“, wie die Medizinerin sagt. Das Institut bot ihr eine unbefristete W2-Professur und mehr Forschungsgeld an. So kann sie langwierige und auch riskante Projekte beginnen. Nicht mehr in Harvard, sondern in Frankfurt findet Krause nun, wie sie selbst sagt, „ideale Bedingungen“.

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