Gegen den Brain Drain des wissenschaftlichen Nachwuchses

Juli 2007 academics.de

Reformvorschläge zur Hochschulpolitik in Deutschland

Von Tobias Schulze-Cleven und Conny Davidsen

Zahlreiche Studien und Einzelinitiativen haben bereits Strategien formuliert, wie die Herausforderungen des deutschen Hochschulsystems angepackt werden können. Wir, die GSO-Scholars, sind der Meinung, wir können zwei Dinge beitragen. Zum einen eine weitere persönliche Sicht. Warum der eine den Weg ins Ausland gewählt hat, oder was den anderen an einer Rückkehr hindert. Zum anderen eine andere Sichtweise von außerhalb: Wir haben verschiedene Beispiele (gute und auch schlechte) im Hochschulbetrieb kennengelernt.

Kommen wir zunächst zu den persönlichen Sichtweisen, die wir unter den GSO-Teilnehmern gesammelt haben. Natürlich ist es meist eine Kombination verschiedener Gründe, die unsere Karriere-Entscheidungen bedingen.

Der nahezu einhellige Schwerpunkt - unabhängig voneinander - war auf zwei Dinge gerichtet: mehr Freiheit und Flexibilität in der Wissenschaft und gleichzeitig mehr Sicherheit in der Karriere- und Lebensplanung. Diese Beiträge sind damit denen unserer Vorgänger auf GSO-Veranstaltungen sehr ähnlich, was unseres Erachtens ihre Dringlichkeit nur unterstreicht. Auch Einstellung und Arbeitsklima waren ein relativ großes Thema. Stichwörter waren hier die Auflockerung bestehender Hierarchien, Aufbruchstimmung und Gründergeist: "In Deutschland wird in Berufen und Zertifikaten gedacht, in den USA in Kompetenzen und Potentialen". Aber: Das nordamerikanische System ist nicht pauschal besser, darin stimmen auch die meisten überein. Zwischen den Hochschulen gibt es große Qualitätsunterschiede. Aber insbesondere die Eliteuniversitäten üben einen großen Reiz aus. Außerdem bietet das System gerade dem akademischen Mittelbau überlegene Karrieremöglichkeiten - und das ist der entscheidende wissenschaftliche Nachwuchs. Hier besteht die besondere Anziehungskraft für uns: größere Freiheiten in der Forschung, flachere Hierarchien, flexiblere Planungsstrukturen und nicht zuletzt eine planbare Zukunft.

Neben der erwünschten Flexibilität, Eigeninitiative und Risikobereitschaft in der Forschung gibt es für uns keinen größeren Luxus, als dass wir nicht alle zwei Jahre um unsere Existenz, den Wohnort und das Einkommen bangen müssen - und das am besten noch zu zweit. Auch für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gilt in Deutschland nach wie vor, dass oft einer auf der Strecke bleibt, um dem anderen eine akademische Karriere zu ermöglichen. In Nordamerika bestehen hierfür teilweise wesentlich bessere Rahmenbedingungen für eine Doppelkarriere, eine größere Akzeptanz für Familien und ein gleicheres Rollenverständnis. Auch für diese Aspekte der Familien- und Gleichstellungspolitik ist eine Umstrukturierung des akademischen Mittelbaus von erheblicher Bedeutung.

Wir freuen uns, dass sich in letzter Zeit vieles in Deutschland bewegt. Nichtsdestotrotz sehen wir weiterhin großen Handlungsbedarf. Viele haben oft persönliche Beweggründe, nach Deutschland zurückzukehren. Leider aber scheitert eine Rückkehr oft auch daran, dass das deutsche System keine langfristigen Karriereperspektiven und nicht die individuellen Freiheiten bietet, die in Nordamerika wesentlich zu unserer Entfaltung beitragen. Deshalb sehen wir folgende Reformen als notwendig an:

1. Einrichtung eines "tenure-track"- Systems an deutschen Universitäten, um erfolgreichen Juniorprofessoren und Nachwuchsgruppenleitern eine längerfristige berufliche Perspektive zu geben. Dieser Wandel sollte einhergehen mit einer Umstrukturierung des akademischen Mittelbaus in Bezug auf transparente Evaluierung, Eigenständigkeit in der Forschung, administrative Einbindung und Mitspracherechte. Das gegenwärtige Nebeneinander von Habilitationsstelle, Juniorprofessur und Nachwuchsgruppen- Leitung ist zugunsten des "tenure-track"-Systems aufzugeben.

2. Schaffung eines flexiblen und leistungsgerechten Dienstrechts im Wissenschaftsbereich. Nur so können wir die Probleme überwinden, die sich momentan aus den starren Obergrenzen bei der Befristung von Arbeitsverträgen und der praktischen Unkündbarkeit längerfristig Beschäftigter ergeben.

3. Einführung transparenter, zügiger und autonom von der Universität durchgeführter Berufungsverfahren, um einen fairen Wettbewerb unter dem wissenschaftlichen Nachwuchs zu gewährleisten.

Unsere Reformbemühungen sollten aber nicht dabei stehen bleiben, die Laufbahnmöglichkeiten für Nachwuchswissenschaftler attraktiver zu gestalten. Vielmehr bedarf es einer Neuorientierung der Debatte um Forschungs-, Wissenschafts- und Bildungsforschung insgesamt. Um in der globalen Wissensgesellschaft Deutschlands Wohlstand zu sichern, werden wir nicht umhinkommen, unsere vorhandenen Human-Ressourcen effektiver und effizienter zu nutzen. Bedingt durch solche Faktoren wie die demographische Entwicklung, den technischen Fortschritt und eine vertiefte internationale Arbeitsteilung verändert sich die Arbeitswelt zunehmend. Als Konsequenz werden z.B. von Arbeitnehmern immer mehr solche Fähigkeiten verlangt, die typischerweise nur an Universitäten vermittelt werden. Zu nennen sind hier insbesondere die Fähigkeiten zum eigenständigen Lernen, zur komplexen zwischenmenschlichen Kommunikation und zum selbständigen Erarbeiten von Problemlösungen.

Deutschlands Erfolg in der globalen Wissensgesellschaft wird davon abhängen, ob wir es als Gesellschaft schaffen werden, die Rolle und Organisation von Bildung - und insbesondere universitärer Bildung - neu zu denken. Momentan weist das deutsche Bildungswesen Strukturen auf, die nicht nur ungerecht, sondern auch wenig effektiv und effizient sind. Allgemein sind diese Strukturen gekennzeichnet durch einen hohen Grad an sozialer Selektivität. Insbesondere an Hochschulen sind zudem die stetige Reproduktion von Statushierarchien sowie eine - über Jahrzehnte anhaltende - chronische Unterfinanzierung zu nennen.

Aufbauend auf den Ergebnissen der vergleichenden Bildungsforschung und den Analysen des deutschen Wissenschaftsrats schlagen wir drei Maßnahmen vor, um Deutschland auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten. Da bildungspolitische Weichenstellungen erst langfristig wirken, müssen wir diese Reformen heute angehen:

1. Wir brauchen eine dauerhafte Kapazitätsausweitung an deutschen Hochschulen von mindestens 30 Prozent. Momentan erreichen nur 20,5 Prozent eines Jahrgangs einen universitären Abschluss. In der Zukunft müssen mehr Menschen in Deutschland die Hochschulzugangsberechtigung erlangen, einen Universitätsabschluss erreichen und an universitären Weiterbildungsmaßnahmen im Sinne von lebenslangem Lernen teilnehmen. Die gegenwärtige Einführung des gestuften BA/MA-Studienmodells ist in diesem Sinne zu nutzen.

2. Wir brauchen eine Effizienzsteigerung in der Nutzung der Studienkapazität. Hohe Abbruchquoten und lange Studienzeiten zeugen von dem gegenwärtigen Problem. Eine bessere Betreuung der Studenten wäre ein wichtiger Schritt. Die weitgehende Praxis, eine die Kapazität übersteigende Anzahl von Studenten zuzulassen, um dann viele von ihnen wieder durch hohe Durchfallquoten bei Prüfungen auszusieben, ist für die Zukunft unbrauchbar.

3. Wir brauchen eine weitere funktionale Ausdifferenzierung des deutschen Hochschulwesens auf der Basis neuer Differenzierungsprozesse, die neue Dynamik in die heutige Hochschullandschaft bringen. Deutschland braucht Hochschulen mit verschiedenen Stärken. Wir brauchen sowohl national- signifikante, forschungsstarke und selektive Voll-Universitäten mit dem dezidierten Auftrag zur wissenschaftlichen Nachwuchsbildung und Hochschulen, die - regional verankert - eher auf die Lehre ausgerichtet sind.

Alle drei Ziele bedürfen erheblicher Investitionen, insbesondere von öffentlicher aber auch privater Seite. Darüber hinaus sind wir überzeugt, dass eine Debatte über Forschungs- und Wissenschaftsförderung auf Basis dieser Punkte wesentlich ertragreicher verlaufen wird als eine an alten Rahmenbedingungen orientierte politische Diskussion. Im Kontext dieser drei Punkte werden wir u.a. die Neustrukturierung des Verhältnisses von universitärer und außeruniversitärer Forschung angehen müssen. Deutschland kann es sich nicht mehr leisten, seine besten Köpfe an Max-Planck-Instituten von studentischem Nachwuchs fernzuhalten.

Nicht zuletzt muss eine erweiterte Reformdebatte so scheinbar disparate Themen wie größere Autonomie und Stärkung der Hochschulleitungen, die Vollkostenfinanzierung von Forschung und die Schaffung von strukturierter Doktorandenausbildung aktiv als Parameter eines expandierten und differenzierten Hochschulsystems thematisieren. Auf Basis dieser Strukturveränderungen im universitären Bereich wird die in der Lissabon Agenda anvisierte Erhöhung der Forschungsetats eine weitaus größere Wirkung haben.

Abschließend eine Beobachtung und ein Angebot: Der politische Diskurs in Deutschland betont stark, dass alle Bundesbürger in der Zukunft flexibler sein müssen. Persönlich haben wir uns dieser Maßgabe gestellt, indem wir als Wissenschaftler ins Ausland gegangen sind. Eine eventuelle Rückkehr wird weitere Flexibilität von uns erfordern. Eines aber beschäftigt uns in diesem Zusammenhang sehr: Im Gegensatz zu den gestiegenen Erwartungen an die individuelle persönliche Flexibilität zeugen leider sowohl das deutsche Bildungswesen als auch andere Institutionen in der Gesellschaft weiterhin von großer Starrheit. Viele von uns fragen sich, wo die institutionellen Reformen sind, die Menschen darin unterstützen, sich flexibel neuen Herausforderungen zu stellen. Die Schaffung passender Bildungsangebote wird in diesem Zusammenhang von höchster Bedeutung sein. Als "Bildungsexperten" stehen wir bereit, mit unseren spezifischen Erfahrungen diesen Reformprozess aktiv mitzugestalten.

*Leicht gekürzte Ansprache der GSO-Scholars bei Bundespräsident Horst Köhler anlässlich der Wissenschaftskonferenz der German Scholars Organization in Berlin am 19./20. April 2007.

von Tobias Schulze-Cleven und Conny Davidsen

Tobias Schulze-Cleven ist Research Associate am Berkeley Roundtable on the International Economy (BRIE) und Doctoral Candidate in Politikwissenschaft an der University of California, Berkeley. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Politische Ökonomie und die Vergleichende Analyse sozialstaatlicher Arbeitsmarktregulierung.

Conny Davidsen ist Assistant Professor in der Umweltpolitik an der University of Calgary, Kanada. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Politische Ökologie und Dezentralisierungsprozesse im Ressourcenmanagement, mit Projekten in Lateinamerika und Kanada.

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