Fluch der Flucht

Januar 2011 Lufthansa Exklusiv Magazin

Jahr für Jahr verlassen junge Akademiker Deutschland, viele auf Nimmerwiedersehen. Eine neue Studie warnt vor dem Ausbluten des Innovationsstandorts Deutschland. Höchste Zeit für Universitäten und Unternehmen, sich im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe neu aufzustellen.

von Anja Dilk und Heike Littger

Lange bevor Alexander Klaus seine Koffer packte, hatte sich der Traum vom Ausland in seinem Kopf festgesetzt. Es begann bei einem Schüleraustausch in die USA. Begeistert merkte der Mecklenburger damals: "Mir steht die Welt offen." Eine Welt, in der man nicht erst einmal vor Mauern steht, sondern die von Zutrauen geprägt ist: Du bist jemand, wir glauben an dich, zeig, was du kannst! In Deutschland klingt das allzu oft anders. Im Studium macht Klaus seinen Traum wahr und zieht nach Schweden. Eine starke Wirtschaft, wenige Einwohner, fantastische Studienbedingungen in internationalen Teams. Das überzeugt ihn.

Am idyllischen Vätternsee macht Klaus den Bachelor in International Business Administration, später sattelt er einen Master drauf. "Ich wäre auch dauerhaft geblieben." Stattdessen verschlägt es Klaus nach Südtirol, der Liebe wegen. Und weil die norditalienische Musterregion einem wie ihm vieles bieten kann, das er in der mecklenburgischen Heimat wohl kaum gefunden hätte: modernen Unternehmergeist, internationales Flair, eine brummende Wirtschaft und jede Menge fachliche Entwicklungsmöglichkeiten. 2009 tritt der heute 28-Jährige seinen Job als International Corporate Manager bei einem Unternehmen für Außenbeleuchtungssysteme an.

Jedes Jahr verlassen Hunderte Top-Studenten Deutschland, um fern der Heimat zu lernen, zu promovieren, zu forschen oder zu arbeiten. Viele kommen nicht zurück. Vor allem die USA, Kanada, Großbritannien und Skandinavien stehen in der Gunst ganz oben. Für den Wissensstandort Deutschland angesichts des wachsenden Fachkräftemangels ist das ein herber Verlust. Zumal die demografische Entwicklung den Run auf die Besten in den kommenden Jahren erheblich verschärfen wird. Vor Kurzem hat die Studie "Technologie, Talente und Toleranz – Wie zukunftsfähig ist Deutschland?" der Beratungsgesellschaft Ernst Young gezeigt, dass es eng werden könnte. Manager aus 1200 forschungs- und entwicklungsintensiven Unternehmen in aller Welt wurden befragt. Demnach sehen fast zwei Drittel der deutschen Manager bereits jetzt einen gravierenden Engpass im Bereich der Forschung und Entwicklung, gefolgt von Projektentwicklung und Konstruktion. Und da Unternehmen im Ausland zunehmend Fachkräfte aus Deutschland abwerben und deutsche Unternehmen im Gegenzug kaum ausländische Fachleute ins Land holen, drohe der deutschen Wirtschaft ein gefährlicher Wissensverlust. "Die Umfrage bestätigt die Gefahr, dass die Expertenwanderung zur Einbahnstraße gerät", mahnt Peter Englisch von Ernst Young und fragt: "Blutet der Innovationsstandort Deutschland aus?"

Wie groß die Gefahr dieses Brain Drains tatsächlich ist, bleibt aber umstritten. Bislang gibt es "keine gesicherten Angaben über den Umfang dauerhafter oder zeitweiliger Abwanderung deutscher Fach- und Führungskräfte", heißt es in einer Prognos-Studie von 2008. Erhebungen von Meldebehörden unterscheiden beispielsweise nicht, ob ein Masseur, ein Softwarespezialist oder eine Verhaltensforscherin das Land verlässt. Alle landen im selben Topf, Auswanderer gleich Auswanderer. Oliver Koppel, Arbeitsmarktexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW), rät daher zur Vorsicht: "Wir sehen nicht, dass Deutschland wirklich an Substanz verliert, die meisten Akademiker gehen
nur vorübergehend weg."

Außerdem bekomme Deutschland im Gegenzug Hochgebildete aus dem Ausland; an Max-Planck-Instituten zum Beispiel habe jeder zweite Gruppenleiter einen ausländischen Pass. "Wenn wir über Wanderungsbilanzen sprechen", sagt Koppel, "müssen wir über Zu- und Abwanderung sprechen." Und dann sei die Bilanz ausgewogen. In Zeiten von Globalisierung und durchlässigen internationalen Arbeitsmärkten heiße das Wort der Stunde nicht mehr Brain Drain sondern Brain Circulation. Sabine Jung, Geschäftsführerin der German Scholars Organization (GSO) in Berlin, möchte sich damit nicht zufriedengeben. Sicher, das Wissen zirkuliert. Aber eben nicht unbedingt nach Deutschland. "Gerade was die Hochqualifizierten im High-Tech-Sektor angeht, sind wir ein Netto-Entsendeland – wir verlieren mehr, als wir bekommen." Zumal eine ausgeglichene Bilanz kaum reichen würde, um den Fachkräftebedarf der Zukunft zu decken und den Wissenschaftsstandort Deutschland an der Spitze zu halten. Es gilt, die Abwanderer zurückzugewinnen. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, zumindest bei Wissenschaftsemigranten in den USA. Die Krise ist an den amerikanischen Universitäten nicht spurlos vorübergegangen. "Es herrscht vielfach Einstellungsstopp, Stellen werden gestrichen, und die Chancen auf dauerhafte Professorenstellen sind gesunken", sagt Katja Simons, Programmdirektorin von GAIN. Die Gemeinschaftsinitiative der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH), des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und der Deutschen Forschungsgemeinschaft, berät deutsche Forscher im Ausland und vergibt Rückkehrerstipendien.

Gleichzeitig haben die hiesigen Universitäten aufgeholt. "Allein durch die Exzellenzinitiative wurden 4000 neue Stellen geschaffen, davon 325 Professuren", sagt Simons. Außerdem hätten Nachwuchswissenschaftler als Juniorprofessoren mehr Freiheiten als früher. Das Forscherland Deutschland wird attraktiver, die Universitäten werden aktiver. Vor allem die Goethe-Universität Frankfurt. Allein der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften konnte 21 Professoren aus dem Ausland locken, darunter zwölf mit deutschem Pass wie das Spitzenforscher-Ehepaar Matthias Schündeln und Nicola Fuchs-Schündeln von der USamerikanischen Elite-Uni Harvard. "Um die Besten der Besten zu bekommen, muss man etwas bieten können", sagt Vizepräsident Rainer Klump. "Der Auswahlprozess darf nicht länger als zwei bis drei Monate dauern, die Gehälter müssen mitunter höher sein, und man muss einen spannenden Standort mit exzellenter Infrastruktur haben." Das betrifft nicht nur den Arbeitsplatz. Internationales Umfeld, hohe Wohnqualität, vielfältiges kulturelles Angebot, beste Schulbildung für die Kinder, gute Jobchancen für den Partner, der meist seine Karriere nicht an den Nagel hängen will. Für diese "Dual Career Couples" gibt es seit Kurzem eine eigene Beratungsstelle mit Kontakten zu Frankfurter Unternehmen und Beratungsgesellschaften. Damit auch Unternehmen deutsche Wissenschaftler im Ausland an den Haken bekommen, vermittelt GSO-Geschäftsführerin Jung nicht nur zwischen Forschern und Universitäten, sondern knüpft auch Kontakte zur Wirtschaft. "Wir können es uns als rohstoffarmes Land nicht leisten, unsere Spitzenabsolventen ziehen zu lassen. Wir müssen mit ihnen in Kontakt bleiben, uns um sie kümmern und beizeiten auch wieder zurückholen." Zumal die Zeiten vorbei sind, in denen es unter Forschern verpönt war, in die Wirtschaft zu wechseln. Mehr als 3500 deutsche Doktoranden, Postdoktoranden und Juniorprofessoren hat Jung mittlerweile in ihrer Datenbank stehen. Die meisten sind in den USA, Kanada oder Großbritannien tätig und haben einen Abschluss mit "Sehr gut" oder Auszeichnung. 40 bis 50 Prozent davon wollen wieder zurück nach Deutschland, etwa 450 werden aktuell von der GSO bei der Jobsuche unterstützt. Ein Talentpool, "den Unternehmen langsam entdecken", sagt Jung. Immer öfter reisen sie zur jährlichen Talent Fair, die zusammen mit der GAIN-Tagung abwechselnd in San Francisco und Boston stattfindet. "Die Firmen bekommen vorher die Kurzlebensläufe aller Teilnehmer und können sie dann auf der Tagung gezielt ansprechen, hier wird richtiges Matching gemacht", so Jung.

Bernd Schmitz, Leiter University Talent Relations von Bayer, fährt jedes Jahr auf diesen Talentbasar. Er schwärmt: 3500 Youngsters, ausgebildet meist am Bostoner Massachusetts Institute of Technology (MIT) oder in Harvard – eine hochwillkommene Gelegenheit für den Chemie- und Pharmariesen, der Top-Talente im Forschungswettlauf braucht. Besonders gefragt: deutsche Nachwuchswissenschaftler, die ihre Ausbildung mit einer Kür an den besten Hochschulen der Welt gekrönt haben. "Am MIT kümmern sich 1000 Professoren um 10 000 Studenten, da können deutsche Hochschulen leider nicht mithalten", sagt Schmitz. Wenn er sich mit interessierten Spitzenforschern zusammensetzt, weiß er, dass er zielgenau punkten muss, um die Wissenschaftler für Bayer zu gewinnen. Schmitz lacht. "Aber ich weiß auch, was wir zu bieten haben: spannende Aufgaben wie die Entwicklung lebenswichtiger Medikamente und Produkte im Kampf gegen den Hunger, globale Teams, internationale Karrieremöglichkeiten, gute Altersvorsorge und Kita-Plätze für den Nachwuchs. Aber auch eine Region mit hoher Lebensqualität: das Rheinland." Carl Friedrich Nising ist so einer, der zugeschlagen hat. Im April 2006 zog es den Chemiker nach Harvard. "Auslandserfahrung ist eine wichtige Qualifikation für uns", sagt er. Er genoss die konzentrierte Arbeit in den kleinen Teams. Die Forschung auf höchstem Niveau. Er spielte mit dem Gedanken, länger zu bleiben. Jobangebote hatte er schon. Dann kam die Offerte von Bayer. "Ich konnte nicht widerstehen. Pflanzenschutz und Wirkstoffforschung zusammen konnte ich nur da machen. Die Aufgabe war perfekt", sagt er.

Was großen Unternehmen leichter gelingt, ist für Mittelständler ein Kraftakt. Sie haben selten ein internationales Recruiting und können den Kandidaten nicht so vielfältige Entwicklungsmöglichkei ten bieten wie Konzerne. In ganz Deutschland gibt es daher Agenturen, die potentzielle Rückkehrer und Arbeitgeber zusammenbringen wollen, vor allem in den von Abwanderung
geplagten neuen Bundesländern. Sachsen hat die Rückkehrerinitiative "Sachse komm zurück" gestartet, die Schweriner Agentur mv4you informiert Heimatflüchtlinge über die Entwicklungen in Mecklenburg-Vorpommern, bringt Arbeitgeber
und Rückkehrwillige zusammen und hilft bei Bedarf bei Wohnungssuche und Umzug. Ob das reicht?

Daniel Dettling, Geschäftsführer vom Berliner Think Tank Berlinpolis glaubt, dass mehr geschehen muss. "Viele bleiben im Ausland hängen, weil sie hier keine überzeugen den Perspektiven sehen. Wir müssen den Standort Deutschland besser verkaufen." Corporate Manager Alexander Klaus hat seine Koffer erneut gepackt. Zu sehr hat er seine Heimat, die Freunde, die sozialen Kontakte vermisst. Ende 2010 hat er in einer Hamburger Marketingagentur angefangen. Und irgendwann einmal will er ganz zurück. Nach Mecklenburg. "Um mit 40 oder 50, hervorragend qualifiziert, etwas für meine Region zu tun."

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