Fachkräftemangel - Rückkehr mit Hindernissen

Juli 2011 Focus Online

Akademiker werden zunehmend zur Mangelware in Deutschland. Doch deutsche Wissenschaftler im Ausland haben es nicht leicht, in ihre alte Heimat zurückzukehren. Jetzt soll der Bundespräsident helfen.

Die unzähligen Appelle, Bitten und Vorschläge fruchten einfach nicht. Aus Sicht deutscher Wissenschaftler im Ausland tut ihre Heimat zu wenig, damit sie zurückkehren. Zwar gibt es einige Fortschritte, vieles bleibt jedoch seit Jahren unverändert. Jetzt haben sich 100 Akademiker, die gerne nach Deutschland zurückkehren wollen, mit einer Wunschliste an Bundespräsident Christian Wulff gewandt. "Deutschland ist definitiv auf dem richtigen Weg", schreiben darin stellvertretend Katrin Arnold und Eva-Jasmin Freyschmidt von der Harvard Medical School in Boston mit Blick etwa auf Exzellenzinitiativen und Juniorprofessuren.

Katrin Arnold forscht als Postdoktorandin an der Harvard Medical School in Boston mit Stammzellen. Ihr Biologie-Diplom hatte sie an der Universität Leipzig gemacht und am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg über Brustkrebs promoviert. Sie würde gerne wieder nach Deutschland zurückkommen. "Nach fünf Jahren in der Ferne zieht es mich hauptsächlich aus privaten Gründen zurück in die europäische Heimat", sagt sie. "Ich habe die Zeit in den USA genossen, möchte aber jetzt erst mal in Wochenend-Entfernung zu meiner Familie leben."

Wunschzettel an den Bundespräsidenten

In der Wunschliste an Bundespräsident Wulff folgt eine Reihe von Reformvorschlägen, die per se nicht neu sind: weniger Bürokratie und Hierarchie, mehr Geld und Flexibilität. Reine Lehrstellen sollen aufgebaut, gesetzliche Barrieren wie etwa bei der Stammzellenforschung weggeräumt werden. Außerdem hapert es an der Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. "Perspektive bedeutet für uns auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie", sagen Arnold und Freyschmidt.

Einige der Wissenschaftler berichten darüber hinaus, abgelehnte Bewerbungen hätten ihre Rückkehrversuche gebremst. Die Gründe: "Bedenken bezüglich der kulturellen Anpassung", gaben sie bei einer Umfrage an. Oder: "Mangel an Netzwerken in Deutschland." Denn viele Stellen würden über persönliche Kontakte vergeben. Manchen Wissenschaftlern scheint es, als herrsche an den Hochschulen wie auch in der Industrie eine "Angst vor zu viel frischem Wind und der Unglaube, dass man nach mehreren Jahren im Ausland überhaupt noch in ein deutsches System passe".

Teurer Verlust für den Staat

Ein teurer Verzicht für Deutschland: Hierzulande werden etwa in die Ausbildung eines Facharztes rund 400 000 Euro gesteckt. "Durch die dauerhafte Auswanderung ins Ausland entgehen dem Staat zudem Einnahmen von zirka 600 000 Euro", rechnet Sabine Jung von der German Scholar Organization (GSO) vor. In dem Netzwerk organisieren sich deutsche Hochqualifizierte, die ausgewandert sind.

Wie viele diesen Schritt insgesamt gegangen sind, wird nirgends erfasst. Schätzungen zufolge haben zuletzt jährlich rund 80 000 bis 100 000 deutsche Akademiker das Land verlassen; nicht alle gingen in die Forschung. Zum Vergleich: Nach einer im Mai veröffentlichten Studie der Unternehmensberatung McKinsey fehlen bis 2025 in Deutschland bis zu 6,5 Millionen Arbeitskräfte, darunter rund 2,4 Millionen Akademiker.

"Vernachlässigter Talentpool"

Laut Jung gibt es im Bereich Wissenschaft eine ganze Reihe guter Maßnahmen, um auf die Abwanderung kluger Köpfe zu reagieren. "Die deutsche Wirtschaft dagegen hat dem Thema bislang zu wenig Beachtung geschenkt. Die Zielgruppe des ausgewanderten Deutschen ist ein von den meisten Unternehmen bislang vernachlässigter Talentpool."

Und der Bundespräsident? Christian Wulff sagt: "Wir müssen es auch schaffen, unserem wissenschaftlichen Nachwuchs hier eine Perspektive zu bieten - auch denen, die eine Zeit lang ins Ausland gegangen sind." Interessant sei, dass die meisten Wünsche nur wenig oder gar kein zusätzliches Geld kosten würden. Er hoffe, dass viele Akademiker in die Heimat zurückkommen.

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