Deutsche Wissenschaftler im Ausland - Die Rückkehr der Spitzenforscher

August 2012 innovationsindikator.de

Wer in der Wissenschaft etwas werden will, für den ist eine längere Arbeitsphase im Ausland ein Muss. Mit viel Geld unterstützt das deutsche Wissenschaftssystem die internationale Mobilität seiner Forscher. Doch viele, vor allem viele der Besten, bleiben im Ausland. Die Folge: Der deutsche Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort verliert Wissen, Kompetenz und Innovationsfähigkeit. Seit Jahren bemühen sich daher Politik, Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen darum, die deutsche Akademikerelite zurückzuholen, mit immer mehr Erfolg.

Wissenschaft ist seine Berufung. Das ist dem Nanophysiker Thomas Taubner schon früh klar. Doch für eine Wissenschaftskarriere in Deutschland ist ein Auslandsaufenthalt von zwei, drei Jahren nahezu obligatorisch, vor allem, wenn man wie Taubner eine Professorenlaufbahn anpeilt. Mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) ging er für zweieinhalb Jahre als Postdoc an die private Eliteuniversität Stanford in Kalifornien. Es war eine sehr produktive Atmosphäre, dort habe ich mit der Speerspitze der Forschung, unter anderem auch mit Nobelpreisträgern, zusammengearbeitet, schwärmt der heute 37-Jährige im Rückblick. Forschung und Industrie arbeiten in den USA sehr viel enger zusammen als in Deutschland, vor allem auch mit den Start-ups im Silicon Valley. Die technische Ausstattung war erstklassig. Hoch innovative Abbildungs- und Spektroskopiemethoden sind sein Thema.

Viele neue Professorenstellen

Gern wäre er geblieben, doch die angestrebte Professur in Stanford hat er nicht bekommen. Dafür jedoch eine Juniorprofessur an der RWTH Aachen mit Tenure-Track-Option, der Aussicht auf eine Festanstellung nach positiver Evaluierung. Dabei profitierte Taubner von gleich mehreren Rückkehr-Initiativen. Auf der Jahrestagung des German Academic International Network (GAIN) traf er 2007 Vertreter aus Politik und Wissenschaft, die junge deutsche Wissenschaftler in den USA und Kanada zu einer Rückkehr nach Deutschland bewegen wollten. GAIN ist eine Gemeinschaftsinitiative der Alexander-von-Humboldt-Stiftung (AvH), des DAAD und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die deutsche Wissenschaftler in den USA und Kanada vernetzt und sie über Stellen und die große Fülle an Rückkehrstipendien informiert sowie Kontakte zu deutschen Hochschulen herstellt. Dort habe ich von der Entwicklung der Exzellenzinitiativen erfahren, über die viele neue Stellen für Professoren und Juniorprofessoren geschaffen worden sind, erzählt Taubner. So entstanden auch acht Juniorprofessuren an der RWTH Aachen. Doch ohne die 1,5 Millionen Euro aus dem Programm zur Förderung der Rückkehr des wissenschaftlichen Spitzennachwuchses aus dem Ausland des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) hätte der Nanophysiker 2008 den Schritt zurük womöglich nicht gewagt. Das Geld konnte er flexibel für den Aufbau seiner Nachwuchsgruppe einsetzen.'

Viele Spitzenforscher bleiben im Ausland

Vor zehn bis fünfzehn Jahren wollten nur wenige der deutschen Forscher zurück nach Deutschland. Wer erst einmal im Ausland erfolgreich promoviert hatte - bevorzugte Ziele waren und sind es auch heute noch die USA, Großbritannien und die Schweiz - dem bot sich schneller als in Deutschland ein fester Nachfolgejob mit Aussicht auf eine Professur an. Wichtige Netzwerke und Kontakte entstanden im Ausland. Zudem waren die Arbeitsbedingungen für Wissenschaftler in den USA lange Zeit besser als in Deutschland. Das reizte vor allem Spitzenforscher. Und wenn sie erst einmal ihren Lebensmittelpunkt ins Ausland verlegt haben, ist eine Rückkehr oft sehr schwierig, sagt Gerrit Rößler, Programmleiter bei GAIN in New York. Außerdem: Kenntnis über den deutschen Arbeits- und Stellenmarkt und seine Gepflogenheiten fehlten den Auslandswissenschaftlern dann.

Bis vor wenigen Jahren haben es Politik und Wissenschaft dabei belassen. Für Dr. Sabine Jung, Geschäftsführerin der German Scholars Organization e. V. (GSO), kommt das einer "doppelten Bestenauslese" gleich. Nur die besten Nachwuchswissenschaftler gehen ins Ausland und von ihnen sind es meist die Besten, die bleiben und es dort in die Spitzenjobs der Wissenschaft schaffen. Deutsche sind unter den ausländischen Doktoranden in der EU sowie in den USA die größte Gruppe, so die GSO. Allein an US-amerikanischen Hochschulen arbeiten 5.000 deutsche Akademiker, geschätzte 20.000 deutsche Wissenschaftler arbeiten in Forschungseinrichtungen der USA. Zentrales Anliegen der GSO ist es daher, diese Spitzenkräfte für eine Tätigkeit in Deutschland zurückzugewinnen. Dafür vernetzt die Organisation die deutschen Spitzenkräfte weltweit. Auch in ausländischen Unternehmen arbeiten viele potenzielle Rückkehrer.

Insgesamt hat Deutschland seine Anstrengungen verstärkt, den so genannten "Brain Drain", wörtlich: den Abfluss der Gehirne, zu stoppen. Neben GAIN und GSO werben Vertreter der Bundesländer, Forschungseinrichtungen sowie die Verbindungsbüros der Hochschulen um die deutsche Akademikerelite im Ausland. Zusätzlich gibt es eine Fälle spezieller Anreize: Rückkehrstipendien einzelner Bundesländer wie das aus NRW, des DAAD, von Stiftungen und Forschungsorganisationen. Es gibt großzügige Förderungen wie etwa das Emmy-Noether-Programm für Post-Docs mit Auslandserfahrung und Reisekostenzuschüsse. überdies bieten die Hochschulen über "Welcome Centre" und "Dual Career-Service" sowie neue Betreuungsmöglichkeiten für Kinder notwendige Dienstleistungen rund um die Rückkehr an.

Verbesserte Forschungsbedingungen

Auch dem Biochemiker und Neurobiologen Dr. Jan-Erik Siemens hat eine mit 1,6 Millionen Euro dotierte Auszeichnung, der Sofja-Kovalevskaja-Preis der AvH, die Rückkehr erleichtert. "Das Geld kann ich flexibel einsetzen und richtig etwas aufbauen. Gerade am Anfang ist das wichtig." Doch auch die verbesserten Forschungsbedingungen in seinem Fachgebiet und neue Gestaltungsmöglichkeiten in Deutschland haben ihn gelockt - von der Universität von Kalifornien in San Francisco ans Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin. "Deutschland hat aufgeholt, die Wissenschaftsfinanzierung hat sich verbessert", schwärmt er. Außerdem habe sich das Blatt zugunsten Deutschlands gewendet. Siemens: "In der Hoch-Zeit der Wirtschaftskrise sind in den USA die Wissenschaftsausgaben und damit auch die Zahl der Stellen für Jungwissenschaftler deutlich zurückgegangen". GAIN und GSO sehen eine gute Zeit, um in die Rückkehr deutscher Wissenschaftler zu investieren.

Weiterer Reformbedarf

Doch es bleiben immer noch zu viele gute Leute im Ausland. "Es ist bereits viel passiert, um die besten Köpfe wieder zurückzuholen, aber noch nicht genug", sagt die GSO-Geschäftsführerin. So müssten die Hochschulen ihre Haltung ändern: hin zu einer stärkeren Serviceorientierung, vor allem in den Verwaltungen. Reformbedarf bestehe etwa bei den Berufungsverfahren, die transparenter und kürzer werden müssten, bei der Planbarkeit der Karrieren sowie bei der Besoldungsstruktur der Professoren. Eine große Hürde, oft noch wichtiger als das Einkommen, seien Unterstützungsangebote für den Lebenspartner der Top-Wissenschaftler. So scheiterten erste Versuche deutscher Universitäten, den Mathematiker und Statistiker Prof. Dr. Tilmann Gneiting nach Deutschland zurückzuholen. Seine Frau, eine Germanistin, hatte ebenfalls eine Dauerstelle an der Universität von Washington in Seattle, wo Gneiting bereits seit 1997 forschte und lehrte. "Ein Dual-Career-Service ist in Deutschland erst ansatzweise vorhanden", weiß Gneiting aus Erfahrung. Schliesslich nahm er 2009 einen Ruf an die Universität Heidelberg an, auch aus familiären Gründen. Seine Frau hat heute eine Stelle an der Pädagogischen Hochschule, wenn auch befristet - eine noch unbefriedigende Lösung. "Gerade weil in Deutschland erst in einem Lebensabschnitt berufen wird, in dem viele Wissenschaftler bereits Familie haben, müssen die Dual-Career-Anstrengungen verstärkt werden", fordert er.

Größte Effekte mit wenig Geld

Gneiting ist einer von 52 Professoren, die die GSO innerhalb von sechs Jahren erfolgreich nach Deutschland zurücklotsen konnte - mit einem Gesamtbudget von 5,8 Millionen Euro, das die Alfred Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung zur Verfügung stellte. Das Programm stellt Hochschulen jeweils 100.000 Euro zur Verfügung, um Berufungsangebote attraktiver zu gestalten. "Das zeigt", so Jung, "dass man mit vergleichsweise wenig Geld große Effekte erzielen kann, wenn man es flexibel für Ausstattung oder Personal einsetzen darf."

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