Deutsche in Amerika

April 2007 F.A.Z.

Das Heimweh der Spitzenforscher
Von Christian Schwägerl

Die akademischen Heimathäfen vieler Deutscher sind edel wie Yale

23. April 2007

Wie viele Nachwuchsforscher jedes Jahr Deutschland den Rücken kehren und nach Amerika auswandern, weiß niemand genau. Zuverlässige Daten darüber gibt es nicht. Dass aber auf jeden Fall deutlich zu viele in Deutschland gratis höchste Qualifikationen erwerben, nur um ihr Wissen dann anderswo zu entfalten und in Patente und Produkte umzumünzen, haben nun in Berlin Forschungspolitiker und Bundespräsident Horst Köhler bemängelt. Die "German Scholars Organisation" (GSO), eine Kontaktbörse und Interessenvertretung deutscher Wissenschaftler in Amerika, hatte auf einen Streich rund hundertvierzig hochqualifizierte Auswanderer nach Berlin verfrachtet. So sollte deren Außensicht auf Deutschland in der Hauptstadt Gehör finden.
Die akademischen Heimathäfen sind bei vielen sehr edel: Harvard, Yale, Stanford, Columbia - offenbar sind die amerikanischen Elitestätten von Deutschen geradezu durchdrungen. In Deutschland dagegen ist der Begriff Eliteuniversität erst seit kurzem überhaupt salonfähig. "Ich will zurück" war dennoch ein häufig zu hörender Satz in der fachlich bunt gemischten Gruppe. Manche leiden schlichtweg an Heimweh, andere fühlen sich im politischen und gesellschaftlichen Klima Amerikas nicht wohl, wieder andere treibt Ehrgeiz oder Idealismus und manche auch so etwas wie Patriotismus dabei an, ihre Fühler wieder in die Heimat auszustrecken.

Dauerhafter Verlust

Die Bundesregierung fördere es bewusst, dass junge deutsche Wissenschaftler Auslandserfahrungen sammelten, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, Thomas Rachel (CDU), den Besuchern. Ein Verlust entstehe aber dann, wenn Talent und Erfahrung eines deutschen Wissenschaftlers dauerhaft an ein anderes Land verlorengingen. Zukunft und Wohlstand der Deutschen seien von den Erfolgen in der Wissenschaft und der Produktentwicklung abhängig. Da könne man es sich nicht leisten, einige der Besten über begrenzte Forschungsaufenthalte hinaus langfristig an Amerika oder Asien zu verlieren.
Die Wissenschaftler nutzten die Aufmerksamkeit beherzt. Nachdem der Bundespräsident im Schloss Bellevue den Ruf der Heimat mit den "zahlreichen Initiativen" für die deutsche Wissenschaft untermauert hatte - von der Exzellenzinitiative über Nachwuchsgruppen an Max-Planck- und Helmholtz-Instituten bis zu den Geniestipendien der EU -, präsentierten zwei Sprecher der Gruppe ihm ein komplettes forschungspolitisches Reformpaket.
Die noch immer starren Hierarchien an deutschen Hochschulen sollten endlich aufgebrochen werden, sagte die Assistenzprofessorin Conny Davidsen, die an der Universität Calgary als Geographin arbeitet. Statt riesiger Lehrstühle mit übermächtigen Professoren müsse es viele kleinere Professuren geben, deren Mitarbeiter über Drittmittel von außen finanziert würden. So könnten mehr Nachwuchsforscher als heute einen dauerhaften Platz in der deutschen Wissenschaft bekommen, anstatt auszuwandern. Davidsen bemängelte, dass es in Deutschland zwar viele Optionen für Wissenschaftler zwischen 25 und 35 Jahren gebe, aber nur wenige Perspektiven und keinerlei Sicherheit für die Zeit danach.

Amerika fördert den Mittelbau besser

Die Karrieremöglichkeiten für den akademischen Mittelbau seien in Amerika deutlich besser: "Deutschland muss wie Amerika endlich flache Hierarchien, große Freiheit und eine planbare Zukunft bieten", forderte Davidsen im Namen der Ausgewanderten. Zudem müsse es selbstverständlicher werden, dass Universitäten auch einem Ehepartner eine Arbeitsstelle vermittelten und Kinderbetreuungsmöglichkeiten böten. Ihre Kritik fiel scharf aus: "Die Rückkehr aus Amerika scheitert meistens nicht am Rückkehrwillen", sagte sie.

Der Ökonom Tobias Schulze-Cleven, der an der kalifornischen Eliteuniversität Berkeley arbeitet, forderte, Forschungspolitiker und Hochschulen sollten endlich jene Flexibilität vorweisen, die sie jungen Wissenschaftlern abverlangten. Viele Institutionen zeigten aber eher Starrheit. So sei es höchste Zeit, Universitäten und die großen Forschungsorganisationen enger zu verzahnen: "Deutschland kann es sich nicht leisten, die besten Köpfe an Max-Planck-Instituten vom Nachwuchs fernzuhalten", sagte Schulze-Cleven. Der Bundespräsident war von den Forderungen der Gruppe so begeistert, dass er dringend ein Transkript erbat. "Ich werde auf der Grundlage Ihrer Ausführungen mit der Kanzlerin reden", versprach er.

Sprung zurück schon gewagt

Bei einer Tagung der GSO in der Berlin-Brandenburgischen Akademie traten auch mehrere Wissenschaftler auf, die den Sprung zurück schon gewagt haben. Bei dem Pharmakologen Jochen Klein von der Universität Frankfurt hat die Alfred-Krupp-Stiftung mit einem eigens für Rückkehrer konzipierten Stipendium nachgeholfen. "Ich bin von der Westküste Amerikas an die Ostküste Deutschlands gegangen", sagte der Mediziner und Unternehmer Jan Stange. Er hat in Rostock ein Verfahren zur Blutentgiftung entwickelt, es dann aber im südkalifornischen San Diego zur Anwendungsreife gebracht. Heimweh nach Mecklenburg-Vorpommern hat bei der Rückkehr eine Rolle gespielt, bekannte er, aber die Forschungsbedingungen in der Region Rostock seien inzwischen sehr gut, die Biotechnologiebranche habe Fuß gefasst.

Beinahe einmütig bekräftigten die Redner, dass in der deutschen Wissenschaft "viel in Bewegung" sei und für den "Nachwuchs" hervorragende Möglichkeiten existierten. "Doch wer trotz guter Leistungen keine Dauerstelle erlangen kann, fällt ins Nichts", kritisierte Jochen Klein. Mit 35 Jahren gelte man noch als Nachwuchs, mit vierzig Jahren werde man schon als zu alt angesehen. Als ein Redner eine "Altersdiskriminierung" in der deutschen Wissenschaft geißelte, gab es viel Applaus. In Amerika werde in Potentialen gedacht, in Deutschland in Formalien, hieß es. Ein aus Dresden stammender, 40 Jahre alter Maschinenbauprofessor, der vor dem Weggang von der Bundesregierung für eine neue Energietechnologie gefördert worden war, berichtete von vergeblichen Versuchen, zurückzukehren. Einmal habe er gesagt bekommen, man wolle nur Nobelpreisträger zurück. "Bisher fühle ich mich nicht willkommen", resümierte er. Seine Erkenntnisse habe er nun in Amerika patentiert.
Text: F.A.Z., 23.04.2007, Nr. 94 / Seite 3
Bildmaterial: AP

Pressespiegel Archiv