Breite Spitze

Oktober 2005 Die Zeit

Berkeley in Kalifornien ist beides: Staatliche Massenuniversität und Elitehochschule

Von Manuel J. Hartung

Als Sonja Lehmann im Frühjahr vergangenen Jahres auf die Internet-Seite ihrer neuen Hochschule klickte, kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die 24-Jährige studierte damals Englisch und Altsprachen in Göttingen und hatte gerade die Nachricht bekommen, dass sie das kommende Jahr im Ausland verbringen würde. »Ich dachte: Dieses Kursangebot, das ist einfach viel umfangreicher als zu Hause.« Sie konnte einen Kurs über antike Religion wählen, bei dem sie nicht nur Texte lesen musste – sondern auch etwas lernte über Archäologie, Kunst, soziale Theorien. Sie konnte einen Kurs belegen, bei dem sie nicht nur Bücher lesen musste, sondern selbst auch schrieb, erinnert sie sich.

Sonja Lehmann studierte im vergangenen Jahr an einer amerikanischen Massenuniversität mit 33000 anderen Studenten, einem übervölkerten Campus und immer weniger Geld vom Staat. Doch sie studierte auch an einer der weltbesten Universitäten. Das Higher Education Supplement der Londoner Times hält sie für die zweitbeste Hochschule der Welt, das Jiao-Tong-Ranking aus Shanghai setzte sie auf Platz vier, und die Zeitschrift U.S. News and World Report kürte sie zur besten Staatsuni der USA.

Sonja Lehmann studiert an der University of California in Berkeley.

Berkeley, wenige Meilen von San Francisco entfernt, die alte Hippie-Hochburg, die Staatsuni, die erfolgreichste öffentliche Hochschule der Welt. Berkeley, das so viel mehr gemein hat mit der deutschen Massenuniversität als Harvard oder Stanford, jene exklusiven privaten Einrichtungen. Berkeley, die wohl einzige Spitzenuni, die deutschen Bildungsreformern ein Vorbild sein kann.

»Es gibt in Deutschland die völlig falsche Vorstellung, dass von Harvard und Yale die ganze Zukunft des Wissenschaftsstandorts abhängt«, sagt der Verwaltungswissenschaftler Eckhard Schröter, der im September von Berkeley nach Deutschland zurückgekehrt ist. Eicke Weber ist Chef der German Scholars Organization, eines Verbandes deutscher Forscher in Nordamerika. Er sagt: »Wenn man etwas lernen möchte, dann nicht von Harvard oder Stanford, sondern von Berkeley.« Selbst für den Ex-Stanford-Rektor Gerhard Casper geht das fortwährende Schielen auf die berühmten Privatuniversitäten »an der Sache vorbei«.

Denn die Gemeinsamkeiten der University of California in Berkeley mit einer staatlichen Hochschule in Deutschland sind bestechend.

Ähnliches Recht: Berkeley ist eine Staatsuni, eingebunden in das System der University of California (UC) – eines Verbundes von zehn Dependancen (ZEIT Nr. 38/05). Wie hierzulande sind Hochschulen in den USA Ländersache. Einige US-Staaten haben es geschafft, weltweit wettbewerbsfähige Unis aufzustellen, an erster Stelle Kalifornien.

Ähnliche Sorgen: Die Hochschule in Berkeley plagt – wie andere Staatshochschulen in den USA auch – ein ständiger Kampf ums Geld. Seit 1970 hat der Staat seine Zuwendungen auf die Hälfte heruntergefahren, nur noch ein Drittel des Budgets kommt vom Land Kalifornien; die Hochschule musste die Studiengebühren massiv erhöhen – ein Semester kostet einen Nichtkalifornier 12600 Dollar (einen Kalifornier nur 3700 Dollar), und in den kommenden Jahren wird die Hochschule ihre Studenten noch stärker belasten.

Ähnliche Grundvoraussetzungen: Das kalifornische Hochschulsystem muss – wie das deutsche – alle Highschool-Absolventen aufnehmen. Das beste Achtel kommt an die University of California mit ihren zehn gut beleumdeten Forschungsstandorten, darunter Adressen von Weltruf wie San Diego, San Francisco, Los Angeles oder eben Berkeley. Das beste Drittel aller Schüler darf an die California State Universities, die eine solide Ausbildung bieten, der Rest lernt an den Community Colleges – und hat später noch die Chance, an die UC zu wechseln. Und: Im Gegensatz zu privaten Universitäten, bei denen der Präsident nach einem kurzen Telefongespräch mit einem Forscher schon einmal 100000 Dollar für einen Kongress lockermacht, leidet die UC unter einer Bürokratie, die mit der in Deutschland mithalten kann.

Ähnliche Größe: Berkeley ist mit 33000 Studenten eine Massenuniversität – größer als die Universität Bonn und mehr als doppelt so groß wie etwa die Eliteeinrichtung Stanford.

Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied zu Deutschland: Wettbewerb. Berkeley agiert als Campus in der Tagespolitik autonom, wählt sich nur die besten Studenten aus, lässt seine Professoren ständig benoten, und Berkeley überwindet die Trennung von Lehre und Forschung.

Seit den sechziger Jahren war Berkeley bekannt für politischen Aktivismus, für das universitäre Protestlertum. Mittlerweile ist Berkeley davon abgekommen. Die Hochschule kooperiert mit der Industrie, viele Studenten kümmern sich nicht mehr um die Weltrevolution. »Die Tradition des politischen Protests ist nicht länger eine Quelle des Stolzes«, schrieb die Studentenzeitung Daily Californian Ende August. »Die junge Generation hat sich von der Politik entfernt«, hat auch der Verwaltungswissenschaftler Eckhard Schröter beobachtet. Dies hat einen demografischen Hintergrund: 47 Prozent der Studienanfänger sind Amerikaner asiatischer Herkunft – und sähen, sagt Schröter, in der Uni eher ein Sprungbrett denn einen Ort der politischen Selbstverwirklichung. »Die wollen gute Leistung für gutes Geld.«

Der Erfolg Berkeleys rührt nicht nur daher, dass es diese leistungsbereiten Studenten gibt, sondern auch daher, dass es so viele sind. Als an einem Nachmittag im August die Uni ihre neuen Studenten begrüßt, ist der Memorial Glade, eine große runde Wiese in der Mitte des Campus, voll; dabei ist nur die Hälfte der Studienanfänger gekommen. Berkeley ist stolz darauf, auch in diesem Jahr drei von vier Bewerbern abgeschmettert zu haben.

Matthew Tiews bewundert, wie »beeindruckend tief« die akademische Arbeit in Berkeley ist: Selbst ein Orchideenfach wie Skandinavistik habe sieben Professoren. »Das gibt es in Harvard oder Yale nicht.« Tiews ist der Associate Director des Townsend Center for the Humanities und hat selbst in Yale und Stanford studiert.

Masse ist in Berkeley gleich Klasse, weil die Professoren fortwährend bewertet werden. Während deutsche Unis ihre Professoren mit Sekretärin und Assistenten ausstatten und auf Lebenszeit berufen, stellt Berkeley seine Leute als »Barfußprofessoren« ein; sie haben in der Regel keine Assistenten, keine Sekretärin und müssen sich das in einem scharfen Kampf ums Geld erst verdienen.

Der Materialwissenschaftler Eicke Weber ist seit 1983 Professor in Berkeley, doch mehr als einen nackten Lehrstuhl hat er nie bekommen. Weber bezahlt alle seine 20 Mitarbeiter mit eingeworbenen Forschungsgeldern – ein Drittel seines Etats bekommt er vom Energieministerium, ein Drittel von Forschungsagenturen, ein Drittel aus der Industrie. »Ich kann meine Mitarbeiter nur halten, wenn ich das Geld habe«, sagt Weber. Der Wettbewerb ist hart. Selbst namhafte Forscher gehen bei manchen Vergaberunden leer aus.

Regelmäßig entscheidet sich zudem, ob Weber auf der Gehaltsleiter nach oben klettert. Im Sommer 2004 schnellte sein Jahresgehalt um 12000 Dollar in die Höhe, mal geht auch Weber leer aus. Studenten und Kollegen fragen sich: Wie exzellent ist die Forschung, wie gut ist die Lehre, wie stark engagiert er sich für die Universität?

Einmal gaben die Studenten Weber schlechte Noten: Er sei in Veranstaltungen zu schnell, manchmal schwer verständlich, seine Schrift an der Tafel unleserlich. Weber stellte seine Vorlesungen um. In der nächsten Runde war er in der Evaluation ganz vorn dabei. »Das war Knochenarbeit.«

Donnerstagmorgen, acht Uhr, Women’s Faculty Club, Kamin, dunkles Holz, tiefe Sessel. Frühstück mit dem Chef der Hochschule, dem Kanzler Robert Birgeneau, den die Studenten »Big Bob« nennen. Nicht nur, weil Birgeneau, ein kanadischer Name, so schwer auszusprechen ist, sondern auch, weil Birgeneau der Herr über Berkeley ist. Formell steht ein Präsident an der Spitze der ganzen UC, doch der erlässt nur Richtlinien; der Kanzler führt das Tagesgeschäft autonom. Berkeley sieht andere Hochschulen der UC als Konkurrenten, achtet im globalen Uni-Wettbewerb vor allem aufs eigene Wohl – und ist deshalb so erfolgreich.

Ist Berkeley die beste Hochschule der Welt? »Ja.« Pause. »Ja, sonst wäre ich nicht hierher gekommen.« Warum? »Gerade weil wir eine staatliche Hochschule sind. Wir dienen dem Gemeinwesen.«

Wie staatlich ist Berkeley noch? Es hat im vergangenen Jahr 318 Millionen Dollar von privaten Spendern erlöst. »Die Universität hat verstanden, dass sie neben der öffentlichen auch private Unterstützung braucht. Aber das ändert nichts daran, dass wir eine staatliche Einrichtung sind und einen staatlichen Auftrag haben.«

Ist Berkeley ein Vorbild für deutsche Unis? »Klar. Schauen Sie sich die Forschung an: Berkeley steht für beste Grundlagenforschung. Wir haben keine Max-Planck-Institute, die die besten Leute aus Lehre und Ausbildung abziehen.«

Wer verstehen möchte, was Birgeneau meint, muss nur die Hügel hinter der Hochschule hochfahren. Dort steht das Lawrence Berkeley National Laboratory, kurz Berkeley Lab, eine gigantische Großforschungseinrichtung, finanziert vom amerikanischen Energieministerium, betrieben von der UC. In einem seiner Teile, dem National Center for Electron Microscopy, arbeitet der Physiker Christian Kisielowski, in Köln habilitiert und auf der Flucht vor dem deutschen Stellenmangel in Berkeley angekommen. Kisielowski kümmert sich darum, dass Forscher die Hochleistungsmikroskope des Center nutzen können. Je mehr Gruppen, desto mehr Zuschüsse. Kisielowski zeigt auf eine Weltkarte mit vielen roten Punkten: »Von überall her haben wir Gruppen gehabt.« In Deutschland sind Forschungsinstitute deutlich abgeriegelter. »Dort hängt alles vom Willen des Chefs ab, hier zählt, wie gut wir der Gemeinschaft helfen.«, sagt Kisielowski.

Dass von dieser Durchlässigkeit vor allem die Forscher am Fuß des Lab, die Forscher in Berkeley, profitieren, liegt auf der Hand. Viele Mitarbeiter des Labors sind gleichzeitig an der Hochschule tätig; viele Berkeley-Profs nutzen das Labor für ihre Forschung.

Doch auch Studenten wie Johanna Heideker, 24, dürfen an die teuren Apparaturen des Berkeley Lab. Heideker, eine Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes, schreibt noch bis Mitte Dezember ihre Biologie-Diplomarbeit in Berkeley, sie forscht über das Protein NtrC4. Schon viermal hat sie am Berkeley Lab an einem großen Teilchenbeschleuniger gearbeitet. »In Deutschland wäre ich da gar nicht rangekommen.« In Berkeley hat sie sich nur eingetragen – und bekam dann Zeit am Wochenende zugeteilt. »Ich hätte nie gedacht, dass ich mal damit arbeiten kann«, sagt Heideker. »Man fühlt sich hier einfach wie ein richtiger Wissenschaftler.«

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