"Brain Drain" gestoppt - Professoren auf Heimatkurs

April 2012 Handelsblatt

von Barbara Gillmann

BERLIN. Ein Wort wurde in den Jahren nach 2000 zum Schreckgespenst der deutschen Wissenschaft: "Brain Drain". Die besten Köpfe gingen, vor allem in die USA. Dort konnten sie unabhängiger forschen als an deutschen Unis - und wurden besser bezahlt.

Mittlerweile gelingt es, mehr Top-Forscher zurückzuholen. Das liegt unter anderem an einigen Tausend neuen Stellen, die im Zuge der sogenannten Exzellenzinitiative entstanden sind - dem mit 1,9 Milliarden Euro dotierten Wettbewerb für die Hochschulforschung. Zurückgekehrt sind beispielsweise 52 Spitzenwissenschaftler, die die German Scholar Organisation (GSO) mit einer Förderung der Krupp-Stiftung überzeugte.

Die Hälfte der Rückkehrer forschte zuvor in den USA oder Kanada, der Rest in Europa, vor allem in Großbritannien. Fast alle hatten die Wahl, an ihrer ausländischen Uni zu bleiben oder an eine andere zu gehen. Doch sie entschieden sich für Deutschland: Vor allem wegen der "guten oder sehr guten Arbeitsbedingungen", gaben sie in einer Umfrage der GSO an, die dem Handelsblatt vorliegt.

Geholfen hat das Geld der Krupp-Stiftung, die seit 2006 die Anwerbung von abgewanderten Forschern mit je bis zu 100 000 Euro fördert. Davon können Professoren fünf Jahre lang zwei Doktoranden zusätzlich engagieren, ein Laborgerät kaufen oder schlicht ihr Gehalt aufstocken.

Das ist im Zweifel entscheidend, denn noch sind die Bedingungen hierzulande nicht wirklich wettbewerbsfähig, sagt die Geschäftsführerin der GSO, Sabine Jung: "Deutschland wird besser, aber die Ansprüche der Topforscher wachsen noch schneller. Die Spitzenwissenschaftler, die wir wollen, sind international immer stärker umkämpft."

Das Krupp-Stipendium entstand in der Folge der Brain-Drain-Debatte nach der Jahrtausendwende: Mehr und mehr Forscher wanderten ab, vor allem junge Postdocs suchten ihr Heil in der Ferne. Studien zeigten zwar, dass 85 Prozent irgendwann wieder heimkehrten - unterm Strich aber blieb ein Teil weg, im Zweifel die Besseren. Noch problematischer war das Signal an die heimische Forschergemeinde: Wer hierbleibe, gehöre schon zur Negativauslese.

Die Forscher-Ehepartner werden umworben

Dank der Exzellenzinitiative ist das Renommee deutscher Hochschulforschung bereits deutlich gestiegen. Auch kommen immer mehr ausländische Studenten - ein wichtiges Potenzial, das bisher auf hohe Zuwanderungshürden traf.

Auch die 52 Krupp-Professoren sehen weiter erhebliche Defizite am Wissenschaftsstandort D: "Sehr unzufrieden" zeigten sie sich in der GSO-Umfrage etwa mit den Gehältern. Diese hatte auch das Bundesverfassungsgericht unlängst - im Vergleich zu anderen hochqualifizierten Jobs beim Staat - als zu niedrig gerügt. Derzeit verdient ein Professor der höchsten Stufe (W3) je nach Bundesland zwischen 4900 und 5500 Euro im Monat. Zulagen für Topverdiener sind zulässig, die meisten Unis haben aber kein Geld dafür. Spitzengehälter für Spitzenforscher wie in vielen Konkurrenznationen sind nur in Einzelfällen möglich. In den USA kann das Gehaltsgefüge einer Uni von 100 000 bis 400 000 Euro jährlich reichen.

Daneben bemängeln die Rückkehrer Bürokratie und lange Bewerbungsverfahren, die an Unis im Schnitt anderthalb Jahre dauern. Lästig ist den Forschern auch das deutsche "Lehrdeputat". Ein Uni-Professor muss hierzulande acht bis zehn Stunden pro Woche unterrichten. Entgehen kann dem nur, wer Geldgeber für ein "Forschungssemester" findet, in der Regel die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Ein weiteres Minus sind die fehlenden "Dual-Career-Programme". In den Vereinigten Staaten und anderswo ist es üblich, dass Hochschulen auch für forschende Ehepartner einen interessanten Job bieten, falls sie einen Wissenschaftler unbedingt holen wollen. Schlecht bewerten die Forscher, die jahrelang im Ausland waren, schlicht das allgemeine Klima: "Beim Ankommen innerhalb und außerhalb der Universität fühlt sich die große Mehrheit nur befriedigend bis mangelhaft unterstützt", ergab die Umfrage.

Pressespiegel Archiv