Auf nach Harvard - aber für immer? Viele Forscher im Ausland kehren zurück nach Deutschland

Januar 2012 ZDF heute magazin

Uni-Rankings zeigen: Die Topadressen für Forscher liegen selten in Deutschland. Viele gehen weg - das weckt Sorgen um den "Brain Drain", den Verlust der schlauen Köpfe. Doch kommen die Wissenschaftler wirklich nie wieder zurück? Der Biophysiker Jochen Guck forschte in Cambridge, in dem Labor, in dem James Watson und Francis Crick 1953 die DNA-Doppelhelix entdeckten. Doch seit kurzem ist der 39-Jährige zurück in Deutschland, an der TU Dresden. Allerdings mistet er derzeit noch das Büro seines Vorgängers aus, bevor es mit der Spitzenforschung weiter gehen kann.

von Britta Wagner

Lockmittel für Top-Forscher

Guck ist einer der sieben Alexander-von-Humboldt-Professoren von 2011 - das ist eins der wachsenden Zahl von Stipendien, die Spitzenwissenschaftler hierher holen sollen. Häufig ist es ein Zurückholen: Fünf seiner Mitausgezeichneten sind ebenfalls Deutsche. Fünf Millionen Euro darf der Biophysiker in den nächsten fünf Jahren ausgeben. Das und das Ende des Pendelns zur Familie in Leipzig überzeugten Guck, seinen Vertrag in Cambridge aufzugeben - der lief bis 2044. "Viele Kollegen beneiden mich um die Humboldt-Professur", sagt er.

Es gibt zahlreiche weitere Programme, Forschern bei der Rückkehr aus dem Ausland zu helfen. Auch Initiativen wie der Verein "German Scholars Organization" (GSO) oder das "German Academic International Network" (GAIN) informieren und vernetzen.

Ausland gehört zur Karriere dazu

Denn viele Forscher im Ausland wollen die Kontakte in die Heimat nicht verlieren. Es gibt keine verlässlichen Angaben über ihre Anzahl. Eine Statistik des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) erfasst für 2009 knapp 6.300 deutsche Wissenschaftler, die über eine Förderorganisation im Ausland waren. Hier fehlen jedoch Forscher ohne oder mit ausländischem Stipendium. Beliebte Ziele sind Europa, die Schweiz - und die USA: Allein dort lebten 2007 laut GSO rund 20.000 deutsche Wissenschaftler.

Ein Beispiel ist der 40-jährige Psychologie-Professor Nicolas Rohleder. Er war für ein Forschungsprojekt in Kanada eigentlich nur von seiner Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter beurlaubt. Doch dann bekam er den Tipp für die USA. Heute leitet er gemeinsam mit seiner Partnerin an einer Universität in Boston ein Forschungslabor für Gesundheitspsychologie und schätzt die Selbstständigkeit als "Assistant Professor". Mythos "Brain Drain"

Aber Rohleder kann sich eine Rückkehr durchaus vorstellen. Eine solche Bereitschaft belegen auch die Studien, die Andreas Ette vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung ausgewertet hat: Demnach sind Forscher häufig Auswanderer auf Zeit - ihre Rückkehrquote liegt bei 85 Prozent. Deswegen hält Ette die Angst vor dem "Brain Drain" (wörtlich übersetzt: Verlust von Hirn) der Wissenschaftler nicht für angebracht. Er würde eher von einer "Brain Circulation" sprechen - die Forscher sammelten Erfahrungen im Ausland und brächten sie zurück.

Allerdings kommen die Hochqualifizierten nicht um jeden Preis zurück. Für Rohleder und seine Partnerin ist klar: "Wir können uns nicht vorstellen, dass einer eine Professur annimmt und der andere in eine untergeordnete oder gar befristete Position tritt. Das ist jedoch meist die Lösung, die einem eine deutsche Hochschule bieten kann." In den USA schaffe man dagegen dann häufig einfach eine zweite Professur.

Schlechter Umgang mit dem Nachwuchs

Viele Hochschulen haben zwar schon erkannt, dass sie um den Top-Nachwuchs werben müssen. Aber das geht noch nicht weit genug, findet der Biologe Andreas Schmidt, Beirat bei "German Academic International Network" (GAIN) und selbst im Ausland. "Wenn wir an der Uni Singapur Postdocs anstellen, würden wir ihnen das niedrige Gehalt eines deutschen Juniorprofessors nicht einmal anbieten." In der Industrie sei das ähnlich. Der 33-Jährige kennt solche Probleme allerdings inzwischen nur noch aus Erzählungen. Er gründete von der Uni in Singapur aus das Biotech-Unternehmen AyoxxA mit. Derzeit ist er aber auf dem Weg zurück nach Deutschland: AyoxxA eröffnet demnächst einen Standort in Köln - das bot sogar bessere Bedingungen als Boston.

"Ich werde eine große Gruppe leiten. Würde ich mich bei einem deutschen Unternehmen auf eine Stelle mit ähnlicher Verantwortung bewerben, würden die mir nicht mal antworten", sagt Schmidt, "So aber rede ich, wenn ich zum Beispiel den Einstieg bei Bayer suche, mit den Vorstandsmitgliedern."

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