Amerika - nicht nur ein Paradies

März 2004 Frankfurter Allgemeine Zeitung

Von Horst Rademacher

01. März 2004 Sie kommen aus den verschiedensten Gründen in die Vereinigten Staaten. Für manche ist es der Reiz, mit einem international renommierten Forscher zusammenzuarbeiten, andere möchten einmal ein anderes System und neue Arbeitsweisen kennenlernen. Wieder andere suchen nach Auslandserfahrung, und einige wollen einfach nur einen Tapetenwechsel. Etwa 14 Prozent aller an deutschen Universitäten in den Natur- und Ingenieurwissenschaften promovierten Nachwuchs- wissenschaftler zieht es nach Amerika. Sind diese Jungforscher aber erst einmal dort, gibt es diverse Beweggründe, im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" zu bleiben. Doch angesichts der schlechter werdenden Forschungsbedingungen möchten mittlerweile auch viele deutsche Nachwuchswissenschaftler in die Heimat zurück.

Je länger die deutschen Jungforscher bleiben und je mehr sie in das amerikanische System eingebunden werden, desto mehr verlieren sie allerdings den Kontakt nach Deutschland. Stellenangebote werden nicht wahrgenommen, neue Möglichkeiten zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses bleiben unbekannt und damit ungenutzt. Die German Scholars Organisation (GSO), ein gemeinnütziger Verein mit Büros in San Francisco und Berlin, will nun deutschen Jungforschern in Nordamerika helfen, die Kommunikation mit ihrem Heimatland zu vertiefen, ihnen die Rückkehr schmackhaft zu machen und die Reintegration in den deutschen Forschungsbetrieb zu erleichtern.

Besondere Anziehungskraft

Nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung in den Vereinigten Staaten sind dort in Forschung und Wissenschaft mehr als 18000 deutsche Hochschulabsolventen tätig. Bei etwa 6000 von ihnen handelt es sich um Nachwuchswissenschaftler, die als sogenannte Postdocs unmittelbar nach ihrer Promotion vornehmlich an Universitäten oder Großforschungseinrichtungen arbeiten. Kalifornien übt dabei eine besondere Anziehungskraft aus, denn ein Fünftel dieser Postdocs ist in den zehn Hochschulen der staatlichen Universität von Kalifornien tätig, 350 allein auf dem Campus in Berkeley. Mehr als 200 weitere arbeiten an der privaten Stanford-Universität in Palo Alto.

Ein großer Teil der Nachwuchswissenschaftler beginnt den Aufenthalt in Amerika mit Geld aus Deutschland. Die etwa 1200 Postdocs, die in jedem Jahr mit Stipendien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), des Deutschen Akademischen Austauschdienstes oder der Alexander-von-Humboldt-Stiftung nach Amerika geschickt werden, sind dort nicht nur wegen ihrer soliden Hochschulausbildung gern gesehen. Weil sie ihr Gehalt aus Deutschland beziehen, belasten sie auch den örtlichen Etat nicht. Wenn aber die Stipendien ablaufen und die Euros nicht mehr fließen, müssen sich diese Jungforscher dem harten amerikanischen Wettbewerb stellen. Der weitaus größte Teil der Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten bezieht sein Gehalt aus Drittmitteln. Häufig wirft ein einzelnes Forschungsprojekt ein so geringes Gehalt ab, daß mehrere Projekte gleichzeitig bearbeitet werden müssen.

"Tenured professor"

Gleichzeitig sind die Aussichten, eine Dauerstelle zu bekommen, gering. Einerseits gibt es an amerikanischen Universitäten nur wenige Positionen im akademischen Mittelbau. Offene Stellen als "tenured professor", also eines Hochschullehrers auf Lebenszeit, sind vor allem an Spitzenuniversitäten selten, und der Wettbewerb um solche Berufungen ist äußerst hart. Außerdem verschlechtert sich die Lage der Forschung in den Vereinigten Staaten allmählich. Die öffentliche Finanzierung stagniert oder schrumpft. So kann beispielsweise bei der National Science Foundation (NSF), einer der DFG vergleichbaren Einrichtung, nur etwa ein Drittel aller eingereichten Forschungsanträge genehmigt werden.

Viele Universitäten, die von den Bundesstaaten unterhalten werden, stehen angesichts der schlechten Finanzlage vor einer Krise. Der Etatentwurf des kalifornischen Gouverneurs Schwarzenegger etwa sieht vor, das Budget der Universität von Kalifornien im kommenden Jahr um zehn Prozent zu kürzen. Wer heute in der Spitzenforschung in Amerika mithalten will, muß seine Arbeiten immer häufiger außerhalb der üblichen Kanäle von NSF, Nasa oder den National Institutes of Health finanzieren. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei private Stiftungen.

Multinationale Konzernen

Zu den Zielen der GSO gehört es, die Nachwuchswissenschaftler auf Tagungen und in Seminaren über den Arbeitsmarkt in Deutschland zu informieren. Die GSO will aber keineswegs nur für den akademischen Bereich oder für Stellen in den Großforschungseinrichtungen oder der Max-Planck-Gesellschaft werben. Eine Jobbörse soll vielmehr vor allem der Industrie in Deutschland helfen, geeignete Bewerber für ihre Stellen zu finden, und gleichzeitig den Nachwuchswissenschaftlern Kontakt zu möglichen Arbeitgebern geben. Dabei hat man hauptsächlich an mittelständische Unternehmen gedacht, die im Gegensatz zu den in Deutschland ansässigen multinationalen Konzernen oft nicht die Möglichkeiten haben, selbst in Amerika nach auslandserfahrenem Nachwuchs für ihre Entwicklungsabteilungen zu suchen.

Inzwischen sind mehr als 300 in den Vereinigten Staaten und Kanada tätige deutsche Nachwuchswissenschaftler Mitglied der GSO. Bis zum Jahresende möchte man, so GSO-Vorstandmitglied Eicke Weber, diese Zahl auf etwa 1000 steigern. Bis sich die Organisation aus Mitgliedbeiträgen und Spenden selbst finanzieren kann, hat die Robert-Bosch-Stiftung eine Anschubfinanzierung von 200.000 Euro geleistet. Weitere Stiftungen sind daran interessiert, die GSO zu unterstützen, um die stete Abwanderung junger deutscher Forscher nach Amerika durch die Rückkehr auslandserfahrener Wissenschaftler zu kompensieren. Dem "brain drain" müsse man, so Weber, einen "brain gain" entgegensetzen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.03.2004, Nr. 52 / Seite 38

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