Akademischer Nachwuchs: Von der Wissenschaft in die Wirtschaft

September 2010 Financial Times Deutschland

Deutsche Firmen wollen den Fachkräftemangel durch Zuwanderung aus den USA beheben - indem sie deutsche Wissenschaftler zurückholen.

von Marion Schmidt

So einer wie Alexander Nedopil bleibt nicht lange auf dem Markt. Der promovierte Mediziner, Spezialist für Vorfußchirugie, war 2009 nach Kalifornien gegangen, um an der University of California in San Francisco an einer Stammzellentherapie der Arthrose zu forschen. Im September nahm er dort an einem Workshop der German Scholars Organisation (GSO) teil und wurde vom Fleck weg vom Pharmakonzern Novartis rekrutiert. Jetzt betreut Nedopil als Projektleiter den Bereich Gastroenterologie - mit nicht einmal 30 Jahren. "Ich finde es toll zu sehen, ob ein Medikament tatsächlich wirkt", erklärt Nedopil seinen Wechsel von der Wissenschaft in die Industrie.

So wie Nedopil schauen immer mehr Nachwuchswissenschaftler nach Karriereoptionen außerhalb von Universitäten und Forschungseinrichtungen. "Das Interesse an Unternehmen ist groß", sagt Sabine Jung, Geschäftsführerin von GSO. Die Organisation vernetzt deutsche Wissenschaftler vor allem in Nordamerika mit Firmen. Eine Möglichkeit ist die Talent Fair bei der jährlichen Tagung des German Academic International Network (Gain), zu der in der vergangenen Woche in Cambridge bei Boston 270 deutsche Nachwuchswissenschaftler kamen, die in den USA arbeiten.
Für sie haben sich die Rahmenbedingungen infolge der Finanzkrise deutlich verschärft. An vielen amerikanischen Unis gibt es Einstellungsstopps, der erhoffte Tenure-Track, die Aussicht auf eine dauerhafte Stelle als Professor, wird nicht mehr selbstverständlich gewährt. "Die akademische Karriere wird immer weniger planbar, viele müssen sich neue Optionen suchen", sagt Jung. Zu ihr kommen Forscher, die eigentlich in der akademischen Forschung bleiben wollten, sich nun jedoch einen Job in der Industrie vorstellen können. "Viele wissen zu wenig über Karrierewege in der Wirtschaft", so Jung, "sie wissen etwa nicht, dass es auch dort Nachwuchsgruppen im Labor gibt."

Unternehmen überzeugen mit attraktiven Zusatzleistungen

Zur diesjährigen Gain-Tagung kamen Pharmaunternehmen wie Bayer Schering, Merck oder Novartis mit einigen Dutzend freien Stellen und Rekrutierern nach Cambridge. "Die Firmen haben sich vorher genau die Lebensläufe angeschaut, mit ihren Stellenangeboten verglichen und dann gezielt Leute angesprochen", sagt Jung: "Hier wird richtiges Matching gemacht."
Für Unternehmen sind promovierte deutsche Nachwuchswissenschaftler mit Auslandserfahrung eine wichtige Zielgruppe angesichts des Fachkräftemangels. "Diese Postdocs sind für die Industrie ein wertvolles Gut", sagt Jung. Unternehmen locken daher mit attraktiven Zusatzleistungen wie Dual-Career-Angeboten, Umzugsservice, Kinderbetreuung. Und einer planbaren Karriere: "Bei uns können Sie sich in der Forschung pensionieren lassen", wirbt Willy Kinzy, Senior Recruiter bei Hoffmann-La Roche.

Doch ohne ein gewisses wirtschaftliches Denken geht es nicht, betont Jens-Oliver Funk: "Sie tragen mitunter Verantwortung für ein Millionenbudget und müssen auch Leute entlassen können." Funk ist Vizepräsident bei Merck Serono. Er hat vorher selbst an Unis in Deutschland und USA geforscht.
Den Laborkittel gegen Businessanzug zu tauschen - "früher war das total verpönt", sagt Eva-Jasmin Freyschmidt. Die Virologin der Harvard Medical School forscht an der Kinderklinik in Boston zur Pockenimpfung. Sie möchte demnächst nach Deutschland zurückkehren, am liebsten in ein Unternehmen. "Ich tüftele gern im Labor herum, aber ich möchte gern stärker anwendungsbezogen arbeiten", sagt die 35-Jährige. Das, denkt sie, kann ihr ein Firmenlabor eher bieten. Außerdem habe man dort nicht den Zwang, ständig zu publizieren. "In einem Forschungsinstitut herrscht ein unglaublicher Wettbewerbsdruck, jeder versucht, möglichst viele Aufsätze mit seinem Namen zu veröffentlichen", so Freyschmidt, "da werden auch schon mal die Ellenbogen ausgefahren."

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