Dem Zufall entrinnen

März 2019 DIE ZEIT, Nr. 11

Dem Zufall entrinnen

Das Wissenschaftsmanagement ist weiblich. Warum wählen so viele Frauen diesen Weg?

 
Von Louisa Reichstetter
 

Darf man einen überdurchschnittlich erfolgreichen Wissenschaftler und Hochschulleiter einen Durchschnittsmenschen nennen? In Walter Rosenthals Fall schon: Er ist ein Mann, er ist weiß, er ist um die 60, und er kommt aus Nordrhein-Westfalen. Damit entspricht der Präsident der Friedrich-Schiller-Universität Jena fast exakt dem Prototypen des deutschen Hochschulleiters, wie er neulich vom Centrum für Hochschulentwicklung errechnet wurde. Eine andere Statistik, erstellt von ZEIT Campus, ermittelte die häufigsten Vornamen deutscher Hochschullehrer. Die meisten heißen Hans, Klaus und Peter. Ein paar wenige Susanne.

Wo sind die Annes, die Claudias, die Stefanies? Von den Aishes, Federicas oder Olgas ganz zu schweigen? Über die Hälfte der Hochschulabsolventen sind weiblich. Die besten Masterabschlüsse werden von Frauen gemacht. Aber dann? Bleiben viele an der Universität, auch in Jena. So wird das Präsidialamt von Walter Rosenthal komplett von Frauen am Laufen gehalten. Anders gesagt: Frauen bekleiden in Deutschlands Hochschulwelt kaum Leitungsfunktionen. Sie ermöglichen sie. Als Wissenschaftsmanagerin. Eine Bezeichnung für Tätigkeiten an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Verwaltung, in Berufen wie Kanzlerin, Referatsleiterin oder Forschungskoordinatorin.

 »Wir beobachten seit Jahren eine Feminisierung des Hochschulmanagements«, sagt Georg Krücken. Der Soziologieprofessor leitet das International Centre for Higher Education Research in Kassel und hat errechnet, dass der Frauenanteil zwischen 1992 und 2007 in diesem Bereich um 199 Prozent stieg. Seither hat sich noch einmal viel getan. Weitere Erhebungen gibt es bisher nicht. »Das Berufsfeld ist noch nicht genau abgesteckt, es wird auch heterogen bleiben. Deswegen gibt es keine stichhaltigen Zahlen«, sagt Anne Schreiter, die im Vorstand des Netzwerks Wissenschaftsmanagement ist. Doch auch Schreiter ist überzeugt, dass Ende März, wenn sich bei der Jahrestagung ihres Vereins rund 150 Wissenschaftsmanager treffen, »zwei Drittel Frauen sein werden«.

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