Rückkehrer-Interview mit Dr. Regina Saum, Thermo Fisher Scientific, St. Leon-Roth, Deutschland
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Regina Saum hat zwei Jahre lang in Boston am Departement of Molecular Physiology& Pharmacology der Tufts University School of Medicine geforscht, bis sie im Juli 2011 zurück nach Deutschland gekehrt ist. Seit August 2011 arbeitet sie als Technical Support Specialist bei Thermo Fisher Scientific, einem der weltweit größten Lieferanten von Biotech-Produkten für die Wissenschaft. |
Frau Dr. Saum, wie lange haben Sie im Ausland gelebt?
RS: Ich
habe von April 2009 bis Juni 2011 an der Tufts University of Medicine in Boston meinen
Potsdoc absolviert und bin erst seit kurzer Zeit wieder zurück in Deutschland.
Zuvor habe ich am Institut für Molekulare Biowissenschaften der Goethe
Universität in Frankfurt promoviert.
Was waren Ihre Gründe ins Ausland zu
gehen? Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
RS: Meine Erwartungen
haben sich erfüllt, aber wahrscheinlich auch deshalb, weil ich keine
riesigen Erwartungen hatte. Ich wollte meine Englischkenntnisse
vertiefen, eine weitere Auslandserfahrung
sammeln und meine fachlichen Kenntnisse erweitern. Ich war bereits während
meines Studiums für ein Jahr im Ausland, in Belgien, was mir sehr gut gefallen
hat. Ich war neugierig zu erfahren, wie in Laboren in den USA gearbeitet wird
und welche Unterschiede zu der Arbeitsweise in Deutschland bestehen.
Und
welche Unterschiede zu Deutschland sind Ihnen im Arbeitsleben und im Alltag dann
aufgefallen?
RS: Der größte Unterschied ist eigentlich die Internationalität
im Labor. In Boston gab es viele Wissenschaftler, die nicht ausschließlich aus
den USA stammen, die Arbeitsgruppe war sehr international geprägt. In
Deutschland ist das noch etwas anders, hier bilden ausländische Wissenschaftler
eher die Ausnahme, was schade ist. Aber von der Ausstattung der
Labore, der Arbeitsweise und dem Standard der Forschung
unterscheiden sich die USA nicht von Deutschland. Überhaupt braucht sich die deutsche Forschung und Ausbildung nicht
zu verstecken, sie ist auf einem sehr hohen Niveau.
Warum haben Sie sich
entschieden, nach Deutschland zurückzukehren?
RS: Ich habe mich in Boston
sehr wohl gefühlt und auch nach kurzer Zeit ein Netzwerk auf-bauen können, vor
allem durch die Stammtisch-Treffen und durch meine Tätigkeit bei der European
Career Fair. Trotzdem haben mir bereits nach zwei Jahren in den USA der
europäische Lebensstandard und die deutsche Heimat gefehlt, vor allem Freunde
und Familie. Endgültig ausschlaggebend war dann, dass mein
DFG-Forschungsstipendium im Juli 2011 zu Ende war und mein Mann einen Job bei
BASF in Ludwigshafen angenommen hat.
Wie hat sich dann Ihre Jobsuche in
Deutschland gestaltet?
RS: Als klar war, dass wir nach
Deutschland zurückkehren, habe ich nach möglichen Stellen im Raum Rhein-Neckar
geschaut. Gleichzeitig habe ich von der Konferenz „Building Bridges“ der GSO im
Juni erfahren und mich beworben. Glücklicherweise wurde ich eingeladen, an der
Konferenz teilzunehmen. Meine Teilnahme und den Aufenthalt in Deutschland habe
ich auch bei meinen Bewerbungen vermerkt – mit Erfolg. Denn in der Zwischenzeit
wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch bei Thermo Fisher Scientific eingeladen.
Besonders hilfreich war dann die Beratung auf der Konferenz zu meinem Lebenslauf
und zum Ablauf des Bewerbungsgesprächs. Ich konnte mich so optimal auf das
Bewerbungsgespräch bei Thermo Fisher vorbereiten. Besser hätte die Konferenz
also für mich nicht laufen und stattfinden können. Sie war wirklich ein
Glücksfall! Denn wer weiß, ob ich von potenziellen Arbeitgebern auch aus den USA
nach Deutschland eingeflogen worden wäre.
Wie erleben Sie nun die
Eingewöhnung in Deutschland und Ihrer neuen Stelle?
RS: Eigentlich ist die
Umstellung gar nicht so groß, wie man denken könnte. Ich habe mich schnell
wieder eingelebt in Deutschland, vielleicht aber auch, weil die Job- und
Wohnungssuche so gut verlaufen sind. Meine neue Stelle macht großen Spaß, aber
ich befinde mich noch in der Einarbeitung. Ich bin Technical Support Specialist
und beantworte technische Anfragen von Wissenschaftlern zu verschiedenen
Produkten von Thermo Scientific, auch auf Englisch. Das Unternehmen arbeitet
international und vertreibt seine wissenschaftlichen Anwendungen weltweit, so
dass ich nicht komplett auf ein internationales Klima verzichte. Auch der
Wechsel von der Wissenschaft zur Industrie war nicht so ein großer Bruch, denn
ich befinde mich genau an der Schnittstelle zu beiden Bereichen.
Was muss
sich Ihrer Meinung nach ändern, damit der Standort Deutschland für
Spitzenwissenschaftler wieder interessant wird?
RS: Durch Konferenzen wie „Building
Bridges“ zeigt sich, dass Probleme erkannt und angesprochen werden, so kommt
Bewegung in das Thema Rückholung von Wissenschaftlern. Grundsätzlich sollte
Deutschland seine Willkommensmentalität verstärken, dazu gehört es zum Beispiel
auch, dass Reisekosten von Arbeitgebern übernommen werden, wenn Wissenschaftler
aus dem Ausland zu Vorstellungsgesprächen nach Deutschland eingeladen werden.
Außerdem würde ich mir mehr Internationalität und Flexibilität an den
Universitäten wünschen. Das bedeutet zum Beispiel mehr Vorlesungen auf Englisch
oder eine andere Arbeitsteilung und Lehrbelastung bei einer wissenschaftlichen
Anstellung.
Trotz aller Debatten um den Reformbedarf des deutschen
Bildungssystems und des Wissenschaftsbetriebs. Was sollte sich besser nicht
ändern?
RS: Für mein Fach Biologie kann ich nur
sagen, dass die praktische Grundausbildung in Deutschland auf sehr hohem Niveau
ist und auf alle weiteren Stationen im wissenschaftlichen Berufsleben sehr gut
vorbereitet. Diese gute und gründliche Ausbildung gilt es beizubehalten, trotz
verkürzter Studienzeit bei den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen.
Welche Empfehlungen und Hinweise möchten Sie anderen Rückkehrern mit auf den Weg
geben?
RS: Es gibt einige Angebote und Hilfen für Rückkehrer, die man in
jedem Fall nutzen sollte: Konferenzen, Jobmessen und nicht zuletzt Kontakte in
den USA und in Deutschland. Weitere Kontakte kann man ganz leicht durch
Stammtisch-Treffen in den USA knüpfen und so sein persönliches Netzwerk
ausbauen.
Frau Dr. Saum, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.
Das
Interview mit Dr. Regina Saum führte GSO-Redakteurin Karina Wolfsdorff.