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„Dual Career Services sind Türöffner bei potenziellen Arbeitgebern, aber sie lösen nicht die Schieflage der Wissenschaftssysteme“

Interview mit Frau Charlotte Reinisch, Sprecherin des Dual Career Netzwerks Deutschland (DCND)
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Charlotte Reinisch (li) im Gespräch mit GSO-Redakteurin Karina Wolfsdorff. Charlotte Reinisch berichtet im GSO-Interview über Möglichkeiten und Grenzen von Dual Career Services in Deutschland. Sie leitet die Servicestelle für Neuberufene an der Universität Potsdam, die neben dem Dual Career Service auch ein besonderes Coaching für Neuberufene Professorinnen und Professoren anbietet. Zudem ist sie Sprecherin des Dual Career Netzwerks Deutschland (DCND), einem bundesweiten Netzwerk, das sich um die Profilbildung der Dual Career Services an den bundesweiten Hochschulstandorten bemüht.

Frau Reinisch, was verbirgt sich hinter dem Begriff Dual Career?
CR: Das kommt ganz darauf an, wie eng man die Begriffs-Definition fasst. Es gibt mehrere Definitionen von Dual Career Couples: Oft spricht man von Dual Career Couples, wenn beide Partner über akademische Bildungsabschlüsse und eine Karriere-/oder Aufstiegsorientierung verfügen, ohne auf eine erfüllte Partnerschaft oder Kinder verzichten zu wollen. Bei der praktischen Arbeit von Dual Career Services wird der Begriff weiter gefasst und mit dem Begriff Dual Career Couples sind auch Paare gemeint, die beide berufstätig sind, von denen jedoch nicht beide über eine Aufstiegsorientierung verfügen müssen. Die praktische Dual Career-Arbeit wird nicht nur auf Paare beschränkt, bei denen beide in der Wissenschaft tätig sind, sondern der oder die Partner/in kann auch andere Qualifikationen ohne Hochschulbildung mitbringen und außerhalb der Wissenschaft in allen möglichen Bereichen tätig sein. Ganz grundsätzlich streben Dual Career Paare nach einer Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie oder Partnerschaft.

Vor welche besonderen Herausforderungen sind Paare gestellt, bei denen beide eine Karriere verfolgen?
CR: Das sind ganz vielfältige Probleme. Zum einen ist Hilfe gefragt bei der Kinderbetreuung und Schulwahl, aber auch bei der Eingliederung in den neuen Wohnort. Kommen Wissenschaftler/innen aus dem Ausland, werden oft bilinguale Schulen gesucht. Zum anderen kommen organisatorische Fragen wie die Wohnungssuche hinzu. Zentral ist natürlich die Frage nach einer Stelle für den oder die Partner/in und Strategiefragen bezüglich dieser Thematik bei zukünftigen potentiellen Arbeitgebern.

Was können Dual Career Programme leisten und wie sieht ein optimales Dual Career Servicepaket aus?
CR: Die Serviceleistungen hängen natürlich immer auch von den Ressourcen der jeweiligen Servicestelle ab. Optimal ist es, wenn ein Dual Career Service intern mit vielen Abteilungen zusammenarbeitet und gut vernetzt ist. Optimal wäre auch, wenn die jeweilige Hochschule darüber hinaus noch einen Familienservice und auch ein Welcome-Office für Gastwissenschaftler/innen aus dem Ausland anbieten könnte oder diese Angebote in die Dual Career Servicestelle integriert sind. Auf der anderen Seite sollte der Service auch über ein externes Netzwerk verfügen, das man den Dual Career Couples zur Verfügung stellen kann. Die Services sollen vor allem Kontakte vermitteln, denn die sind das Entscheidende für Wissenschaftler/innen, die ihr Netzwerk nicht in der Region haben. Entscheidend ist außerdem, dass der ganze Prozess der Berufsfindung für den Partner/ die Partnerin transparent abläuft – dazu gehört auch, die Grenzen und die Möglichkeiten der Serviceleistung zu definieren.

Wie beurteilen Sie den aktuellen Stand der Dual Career Angebote an deutschen Universitäten und wo sehen Sie noch Entwicklungsbedarf?
CR: Es gibt rund 40 Dual Career Services in Deutschland und die Zahl wächst ständig. Ein guter Dual Career Service hängt stark von der Beratung ab, aber auch von den Möglichkeiten vor Ort. Die Regionen sind mehr oder weniger gut mit Wirtschaftsunternehmen und potentiellen Arbeitgebern ausgestattet, so dass es für manche Dual Career Couples in der spezifischen Region beispielsweise schwieriger wird, passende Angebote zu finden. Hier sind kreative Strategien gefragt, die gemeinsam mit dem oder der Partner/in und der Dual Career-Beraterin oder dem Berater entwickelt werden sollten. Jeder Service in Deutschland hat etwas, was besonders gut läuft, aber ganz grundsätzlich ist die Arbeit ähnlich. Jede Dual Career Service-stellenleitung sollte zu Beginn überprüfen, wie die Struktur vor Ort ist, was möglich ist – nicht alle Modelle, die in einer Stadt gut funktionieren, müssen auch für andere Städte gelten. Den Entwicklungsbedarf sehe ich in einer allgemeingültigen Profilbildung für die Career Services. Das große Know How zum Thema Dual Career muss gebündelt werden, dafür gibt es das Dual Career Netzwerk Deutschland. Insgesamt sehe ich die Entwicklung sehr positiv, vor allem weil Hochschulen beim Kampf um die besten Köpfe inzwischen auf solche Services setzen müssen und dies haben auch bereits viele Hochschulen erkannt.

Welche Zielsetzung verfolgt das Dual Career Netzwerk Deutschland, dessen Sprecherin Sie ja sind?
CR: Wir setzen uns beim deutschlandweiten Netzwerk für eine Professionalisierung der bundesweiten Dual Career Services ein. Das Know How, das mit dem Dual Career Netzwerk Deutschland aufgebaut wird, ist ein unheimlicher Fundus an Experten/innenwissen. Informationen werden gebündelt und ausgetauscht. Das Netzwerk ist zudem gerade damit beschäftigt, Mindestqualitätsstandards für Dual Career Services zu entwickeln, d.h. wie definiert sich die gute Arbeit des Dual Career Services, z.B. dass Verfahren transparent ablaufen und beispielsweise der Datenschutz gewährleistet wird. Das Netzwerk kann andere Servicestellen bei ihrem Aufbau beraten. Und schließlich wollen wir auch Lobbyarbeit leisten und das Thema stärker in den Medien präsent machen, auch um den deutschen Wissenschaftler/innen im Ausland zu zeigen, dass in Deutschland viel gemacht wird und es sich lohnt, zurück zu kommen.

Wer kann von Dual Career Angeboten profitieren? Gelten diese nur für Wissenschaftler aus dem Ausland oder auch bei Wechseln innerhalb von Deutschland?
CR: Das Dual Career Netzwerk Deutschland bietet keine direkten Services für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an. Natürlich sind wir z.B. bei der GAIN-Jahrestagung vor Ort und unterstützen auch bei Beratungsbedarf, aber unser Netzwerk versteht sich eher als indirekte Serviceeinrichtung, indem wir die Angebote von allen Services bundesweit auf unserer Webseite bündeln und dort die Ansprechpersonen an den jeweiligen Hochschulen aufzeigen Das Angebot an der Universität Potsdam richtet sich (ressourcenbedingt) bisher an die Zielgruppe neu berufener und sich in Bleibeverhandlungen befindenden Professorinnen und Professoren. Unser Angebot ist unabhängig davon, ob sie aus dem Ausland zurückkehren oder innerhalb Deutschlands die Universität wechseln.

Wie kann ich das Thema Dual Career bei meinem zukünftigen Arbeitgeber ansprechen? Darf es bereits beim Vorstellungsgespräch Thema sein?
CR: An der Universität Potsdam ist es so, dass das Thema oft schon in den Berufungskommissionen thematisiert wird, es gibt also glücklicherweise eine offene Kultur bezüglich Dual Career, was nicht selbstverständlich ist. Spätestens in der Berufungsverhandlung wird die Dual Career-Frage angesprochen. Bei einem weniger offenen Umgang sollte man die Berufungsverhandlung abwarten, oftmals besteht hier Raum für die Äußerung nach dem Wunsch zu einer Dual Career-Unterstützung.

Kann man einen Dual Career Service bei seinem Arbeitgeber einfordern?
CR: Fordern ist ein schwieriger Begriff bei Dual Career Services, weil wir keine Stellen direkt vermitteln. Wir weisen auf offene Stellen hin, vermitteln Kontakte oder fragen bei potenziellen Arbeitgebern nach Stellen. Aber der/die Partner/in muss den regulären Bewerbungsprozess durchlaufen. Wir können zwar als Türöffner fungieren, Lebensläufe innerhalb unserer Netzwerke an unsere Kooperationspartner/innen weitersenden, aber keine Jobgarantie geben. Trotzdem wächst (oftmals verständlicherweise) in der letzten Zeit die Erwartungshaltung, es kommen z.B. Wünsche nach unbefristeten Arbeitsstellen oder tariflichen Eingruppierungen, auf die wir in den meisten Fällen keine Einflüsse haben. Wir können mit den Dual Career Services leider nicht die Schieflage des Wissenschaftssystems ausgleichen.

Welche anderen Möglichkeiten gibt es, wenn der Arbeitgeber keinen Dual Career Service anbietet?
CR: Ich würde empfehlen, das Thema an der Hochschule trotzdem anzusprechen, wenn man sich in den Verhandlungen befindet. Manche Universitäten stehen dem Thema leider immer noch ein wenig kritisch gegenüber, was daran liegt, dass es früher oftmals Fälle gab, bei denen das Verfahren nicht transparent gestaltet wurde. Aber der Trend geht dahin, dass an den Hochschulen immer mehr Dual Career Servicestellen aufgebaut werden und es damit auch Ansprechpersonen gibt, die man bereits vor den Berufungs/Bleibeverhandlungen kontaktieren kann. An manchen Universitäten, an denen es keine Dual Career-Ansprechperson gibt, kann man sich versuchsweise auch an die Gleichstellungsbeauftragte wenden und dort vorsichtig nach Tipps, Strategien und Unterstützung fragen. Ansonsten sollte man sich möglichst frühzeitig um das Thema Dual Career kümmern. Manche Universitäten haben einen Hinweis auf die Servicestelle schon in ihren Stellenausschreibungen vermerkt. Man findet die Servicestellen auch im Internet oder, sofern die jeweilige Hochschule Mitglied in unserem Netzwerk ist, auf der Webseite des Dual Career Netzwerk Deutschland www.dcnd.org. Frau Reinisch, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.


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