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www.fazjob.net vom 4. Januar 2009
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Appetit auf die Heimat
Braindrain, das klingt hässlich. Es bedeutet auch nichts Angenehmes. Das Abwandern von Intelligenz wird so bezeichnet, und Deutschland galt wegen seiner vermeintlich miesen Bedingungen für
Wissenschaftler lange als Krisenfall. Wolfgang Benz stemmt sich gegen die seiner Meinung nach vorschnelle Diagnose. "Wir brauchen uns nicht mehr zu verstecken", sagt der Personalleiter von Bayer Health Care. "Wir können attraktive Arbeits- und Rahmenbedingungen bieten." Benz ist stellvertretender Vorsitzender der "German Scholars Organization" (GSO), die sich für die Anbindung von
Wissenschaftlern an den deutschen Arbeitsmarkt einsetzt. Zuletzt hatte sie den 2600 Forschern, zu denen sie Kontakt hält, viele gute Nachrichten zu verkünden.
Zum einen sind die Hochschulen selbst attraktiver geworden, dafür hat die Exzellenzinitiative gesorgt. Zum anderen sind im Ausland arbeitende Wissenschaftler zur wichtigen Zielgruppe von Unternehmen
auf Personalsuche geworden. Die "Auslandsrekrutierung" stellt nach einer Studie der Unternehmensberatung BCG eine zentrale Herausforderung der Zukunft dar. "Wir müssen dort hingehen, wo wir die
Potentiale finden, die wir brauchen", erläutert Sandra Schulz vom "Human Resources Marketing und Recruiting" des Optik-Herstellers Carl Zeiss. "Gerade Wissenschaftler, die im Ausland Erfahrung
gesammelt haben, stellen für uns Top-Kandidaten dar."
Berührungsängste und Vorurteile
Wie aber bringt man Wissenschaftler, die auf eine Hochschulkarriere fixiert sind, überhaupt mit der Industrie in Kontakt? "Es gibt ziemliche Berührungsängste und Vorurteile, was betriebliche Forschung
und Entwicklung bedeutet", räumt Wolfgang Benz ein. Die meisten Wissenschaftler hätten bisher keine Berufserfahrung in Unternehmen gesammelt. Ein Newsletter sowie Kontaktmessen und Workshops sollen
als Brücken dienen. Einer dieser Treffpunkte ist die Jahrestagung des "German Academic International Network" (GAIN), zu der Sven Koch aus Salt Lake City nach Boston gekommen ist. Der 35 Jahre alte
Informatiker will im Sommer seine Promotion zu einem Thema aus der Medizintechnik abschließen. "Ich möchte mich über mögliche Arbeitgeber informieren - und darüber, was ich ihnen wert bin." Mit
ähnlichen Fragen sind noch rund 250 andere Wissenschaftler zu dem Treffen gekommen, ihnen standen Vertreter von sieben deutschen Unternehmen Rede und Antwort - doppelt so viele wie im Jahr zuvor.
Manfred Hund zum Beispiel, der das Personalmarketing von Boehringer Ingelheim leitet, kam mit 20 zu besetzenden Stellen im Gepäck nach Boston. "Die Naturwissenschaftler hier sind an spannenden
Aufgaben in einem Umfeld ohne bürokratische Einschränkungen interessiert. Da haben wir eine Menge anzubieten." Auch Christiane Süß, Personalreferentin beim Solarunternehmen Q-Cells, lockt: "Unser
Forschungszentrum in Bitterfeld-Wolfen bietet rund 250 Wissenschaftlern spannende Aufgaben in einer Zukunftsindustrie." Sven Koch hat sich zwar noch für kein konkretes Angebot entschieden, zieht aber
ein positives Fazit. "Ich dachte, in Deutschland ändert sich nichts, es gäbe wenig Flexibilität", sagt er. "Jetzt habe ich festgestellt, dass viel in Bewegung ist."
Berater haben es schwerer
Schwerer als der Industrie fällt es Unternehmensberatungen, Wissenschaftler für sich zu interessieren. Dabei beraten beispielsweise für BCG schon jetzt nur noch zu 50 Prozent
Wirtschaftswissenschaftler, 40 Prozent sind Ingenieure und Naturwissenschaftler. "Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Absolventen wirtschaftsferner Studiengänge gemacht", sagt Niclas Storz, der für
Recruiting zuständige Geschäftsführer. Wer über Auslandserfahrung verfüge, habe Mobilität gezeigt und sich in einem neuen Umfeld zurechtgefunden. "Das sind sehr gute Voraussetzungen für eine
erfolgreiche Beraterlaufbahn."
Steffen Petersen hat den Sprung vom Ingenieurskittel in die Nadelstreifen gewagt. Nach seinem Studium in Hamburg, Waterloo und Stanford lernte er BCG bei einem Workshop in Amerika kennen, auf der
GAIN-Konferenz vor einem Jahr wurde die Sache konkret, schnell folgte ein Vertragsangebot. "Manchmal laden Unternehmen einen Kandidaten nicht zum Vorstellungsgespräch ein, weil es ihnen zu aufwendig
ist, ihn nach Deutschland einfliegen zu lassen", berichtet er von schlechten Erfahrungen mit anderen Arbeitgebern. In seinem Fall sei das anders gewesen. Deshalb wohnt er mit seiner Familie seit gut
einem Jahr wieder an der Alster. Die Entscheidung habe er bislang nicht bereut, beteuert Petersen.
Wenn Kandidaten und Unternehmen so gut zueinanderpassen, hat das häufig mit Stephanie Böcker zu tun. Die 42 Jahre alte Diplom-Kauffrau ist Referentin für Wirtschaftskontakte und leitet den Talentpool
der GSO. Ihre Arbeit erschöpft sich nicht in der Organisation der Jobbörse. "Gerade bei mittelständischen Unternehmen sprechen wir passende Kandidaten auch schon mal direkt an", berichtet sie. Ihrer
Erfahrung nach sind es oft private Gründe, die den Ausschlag für eine Rückkehr geben: Lebenspartner, die ihren Beruf nicht im Ausland ausüben können, pflegebedürftige Eltern oder Kinder, die in
Deutschland aufwachsen sollen. Finanziell müsse der Schritt zurück kein Nachteil sein. "Die Gehälter in Deutschland stehen denen in den Vereinigten Staaten absolut nicht mehr nach", sagt Böcker. Den
oft beklagten steuerlichen Nachteil glichen attraktive Sozialleistungen aus.
Kinderbetreuung, Wäscheservice, Gesundheitszentrum
"Promovierte Chemiker steigen in der deutschen Industrie in der Regel mit 55.000 bis 63.000 Euro ein", berichtet Wolfgang Benz. "In Amerika verdienen sie den gleichen Betrag - allerdings in Dollar."
Oft wirken aber auch vermeintliche Kleinigkeiten wie Magneten. "Neben der Kinderbetreuung bieten wir ein Gesundheitszentrum und einen Wäscheservice auf dem Firmengelände", zählt Manfred Hund von
Boehringer Ingelheim auf. "Und wer sich den täglichen Einkauf sparen möchte, kann sich ein komplettes Mittag- oder Abendessen mit nach Hause nehmen." Nachholbedarf sieht er allerdings noch in Sachen
"Dual Career": Viele Kandidaten erwarteten von den Unternehmen auch bei der Stellensuche ihrer Partner - meistens auch Akademiker mit Ambitionen - konkrete Hilfestellung. "Hier müssen wir unsere
Hausaufgaben noch machen", räumt Hund ein. Doch auch für alle, die sich deshalb oder aus anderen Gründen nicht direkt für eine Rückkehr entscheiden, hat er einen Köder in petto. "Wir können zunächst
einen Einstieg an unserem Standort in Amerika vermitteln", sagt Hund. "Und in ein paar Jahren führt der Weg dann vielleicht doch noch nach Deutschland." |