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Sueddeutsche.de
Artikel vom 27.9.2004
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Der Duft der großen, weiten
Welt
Deutschland bemüht sich, Forscher aus den USA zurückzuholen -
für die sind jedoch häufig private Motive entscheidend.
Von Jeanne Rubner
"Man wird sich um Sie reißen", ruft Max Huber in den Ballsaal
des Marriott Cambridge und löst erst einmal Raunen unter den
Nachwuchsforschern aus, "aber nicht notwendigerweise in
Deutschland". Womit der Vize-Präsident des Deutschen
Akademischen Austauschdienstes (DAAD) die Lacher auf seiner
Seite hat. Denn die Anwesenden, alles aus Deutschland stammende
Jungwissenschaftler mit einem Forschungsstipendium, kennen die
Diskussion nur zu gut. Sie sind für ein paar Jahre nach USA
gekommen, werden aber vielleicht nicht in die Heimat
zurückkehren, weil sie hier besser arbeiten können. Gerade die
Besten dieser Besten bleiben, denn sie erhalten die
attraktivsten Angebote - von Harvard, Yale oder Berkeley. Und
wer würde es ihnen verdenken? Diese Universitäten nehmen die
ersten Plätze auf den weltweiten Rankings ein, während die beste
deutsche Hochschule erst auf Rang 45 auftaucht.
"Brain drain", der "Abfluss der Gehirne" beschäftigt
Deutschlands Forschungsszene schon länger. Vor fünf Jahren
setzte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) das Thema
auf ihre Agenda und beschwor auf USA-Reisen Forscher
zurückzukommen. Ob die bisherigen Bemühungen gegriffen haben,
lässt sich schwer einschätzen, doch immerhin belegen neueste
Zahlen, dass 85 Prozent der Stipendiaten über kurz oder lang
eine Stelle in der Bundesrepublik annehmen. Und viele der vom
DAAD vergangene Woche nach Cambridge Geladenen zeigten mehr
Zuversicht als bei früheren Stipendiatentreffen.
Sicher, die Schwachstellen des deutschen Forschungsbetriebs,
welche die jungen Leute nennen, sind längst nicht beseitigt,
allen voran die unsichere Jobsituation. Die Habilitation legt
dem Nachwuchs Fesseln an, die neu geschaffene Juniorprofessur
bietet keine Garantie auf einen festen Job; klinische Forschung
in einem deutschen Krankenhaus ist extrem schwierig; Hürden bei
der Zusammenarbeit mit Firmen sind hoch; kaum eine Uni kümmert
sich darum, auch dem Partner einen Job zu vermitteln, was
Doppelkarrieren erschwert.
Einiges haben Politik und Forschungsorganisationen in den
letzten Jahren versucht: Juniorprofessur ebenso wie das "Emmy
Noether"-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft sollen
dem Nachwuchs mehr Selbstständigkeit garantieren. Fünf
interdisziplinäre DFG-Forschungszentren bieten interessante
Positionen, zwei weitere sollen hinzukommen, verspricht
DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker. Er und weitere Prominenz
aus der Forschung sind eigens nach Cambridge gereist, um die
Abgewanderten zu überzeugen. So preist Max-Planck-Präsident
Peter Gruss die gezielte Frauenförderung, einen neuen
Familienservice sowie die Einrichtung zusätzlicher
Nachwuchsgruppen bei der MPG an. Solche will auch die
Helmholtz-Gemeinschaft schaffen. Schließlich bemüht sich das vor
einem Jahr gegründete "German Academics International Network"
von DAAD, Humboldt-Stiftung und DFG, Rückkehrwilligen attraktive
Angebote zu vermitteln. Die vom deutschen Exil-Physiker Eicke
Weber aus Berkeley lancierte "German Scholar Organization"
vermittelt Kontakte zur Industrie.
» Die gefühlte Jobperspektive ist schlechter als die reale. «
"Die gefühlte Jobperspektive ist schlechter als die reale",
fasst Christiane Ebel-Gabriel, Generalsekretärin der
Hochschulrektorenkonferenz zusammen, es tue sich viel, auch an
den Hochschulen. Die Mehrheit, das ergeben viele Gespräche und
eine schnelle Meinungsumfrage unter den 200 Anwesenden, lässt
sich überzeugen und will durchaus zurück. Gleichwohl: Die Sache
mit der Juniorprofessur lässt ihnen keine Ruhe. Denn zum einen
muss diese nach dem Urteil des Bundesverfassungsgericht auf eine
neue rechtliche Grundlage gestellt werden. Zum anderen endet sie
- im Gegensatz zum amerikanischen "tenure track"-Modell - häufig
im akademischen Nirwana. "Tenure track wird es in Deutschland
nicht geben", warnt Ebel-Gabriel. DFG-Präsident Winnacker sieht
dennoch Wege aus der Unsicherheit: Viele Unis würden jetzt schon
erfolgreichen Juniorprofessoren anbieten, sich um eine feste
Stelle zu bewerben - tenure track unter der Hand also. "Sie
müssen nur selbstbewusst sein und sich die richtige Fakultät
suchen", empfiehlt Winnacker. Auch die VW-Stiftung will mit
ihrem "Lichtenberg"-Programm das tenure track-Modell fördern.
Freilich ist auch in Amerika nicht alles Gold, was glänzt,
mussten viele Nachwuchsforscher feststellen. Wer hier Professor
ist, muss Geld für jeden Doktoranden und jeden Radiergummi
einwerben. Die Jagd nach Drittmitteln führt zu einem Druck, der
so manches zweifelhaftes "last-minute"-Ergebnis aus dem Labor
bewirke, klagt ein Jungforscher. Einer gewissen Bequemlichkeit,
Sicherheit und Abhängigkeit in Deutschland stehen eben harte
Arbeit, Freiheit und Abenteuer in den USA gegenüber.
Letztlich sind es für viele aber ganz persönliche Gründe wie
Heimweh, die Freundin, der Sonntagsspaziergang oder aber der "american
way of life", die sie zum Fortgehen oder Hierbleiben bewegen.
Wolfgang Ketterle gehört zu denen, die ganz oben angekommen
sind. Vor fünf Jahren - noch bevor er den Nobelpreis für Physik
erhielt - konnte er zwischen seiner gut dotierten Professur am
Massachusetts Institute of Technology in Cambridge und einem
ebenso gut dotierten Posten als Münchener Max-Planck-Direktor
wählen. "Noch einen Tag vor der Entscheidung stand es fünfzig zu
fünfzig", sagt Ketterle. Den Ausschlag gegeben hätten letztlich
die Kinder, denen er einen Schulwechsel nicht zumuten wollte.
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