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Die Welt.de vom 28.9.2004
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Rückholaktion für Elite-Forscher
Verein in den USA bringt Wissenschaftler
und deutsche Industrie zusammen
von Lennart Paul
San Fransico - Die Erfahrung, die Eicke Weber im Jahr 1983 machte,
schmeichelte dem jungen Physiker: Weber hatte sich kurz zuvor in
Köln habilitiert, vier Jahre lang war er als Postdoc an der State
University of New York tätig. Er suchte gerade eine Stelle, als
die Universität von Berkeley in Kalifornien ihn einlud, sich auf
einen Posten zu bewerben. Der Deutsche schlug 106 Mitbewerber aus
dem Rennen und fing an der renommiertesten öffentlichen
Universität der USA an. "Für mich war diese aktive Kandidatensuche
der Universität etwas ganz Neues", sagt er. "Deutsche
Universitäten denken selbst heute noch nicht daran, um junge
Wissenschaftler zu werben."
Während er dies feststellt, sieht er eher erstaunt als verärgert
aus - als könne er diese geringe Flexibilität nicht begreifen. In
den mehr als zwei Jahrzehnten, die Weber in Kaliforniens lehrt und
forscht, hat er eine Vielzahl andere Deutsche getroffen - vom
Studenten bis zum Professor - und eine zweite wichtige Erfahrung
gemacht: "Die jungen Deutschen werden zwar von Organisationen in
die USA geschickt, aber hinterher kümmert sich niemand mehr um den
viel versprechenden Nachwuchs. Das Fördergeld reicht, die Leute
fortzuschicken, aber nicht, um sie zurückzuholen."
Mit diesen Erfahrungen hat Eicke Weber im Juni 2003 in San
Francisco die German Scholars Organization (GSO) mitgegründet,
deren Präsident er ist. Die GSO hat zum Ziel, die Abwanderung der
Besten aus Deutschland zu stoppen. Deutsche Unternehmen und
Universitäten sollen stattdessen von deren Erfahrungen profitieren
und adäquate Stellen anbieten. Dabei geht die GSO, an der
Vertreter der Wissenschaft und der Wirtschaft beteiligt sind,
zweigleisig vor: Die deutschen Nachwuchswissenschaftler im Ausland
sollen sich auf der Internet-Seite eintragen, Kontakte knüpfen,
ein Netzwerk bilden. Und sie sollen mit deutschen Unternehmen,
Universitäten und Organisationen ins Gespräch kommen, um am Ende
vielleicht einen Arbeitsvertrag in Deutschland abzuschließen.
Laut Statistiken des US Census Bureau arbeiten zurzeit 6000
Deutsche als Postdocs in den Vereinigten Staaten, mehr als 18 000
Deutsche mit Universitätsabschluss sind in der amerikanischen
Wissenschaft und Forschung tätig. Gesicherte Zahlen, wie groß der
Anteil deutscher Wissenschaftler ist, die nach einem
Gastaufenthalt in den USA bleiben, gibt es nicht. Schätzungen
gehen davon aus, dass nahezu jeder Dritte aus dem Ausland nicht
zurückkehrt. "Dabei weiß ich von vielen Stipendiaten, dass fast
alle nach ihrer Auslandserfahrung gern in Deutschland arbeiten
möchten", sagt Eicke Weber.
Diesen Eindruck bestätigt Wolfgang Benz von der Schering AG,
Mitgründer und Vizepräsident der GSO: "Die exzellenten deutschen
Wissenschaftler in den USA haben den Eindruck, dass sie in
Deutschland gar nicht erwünscht sind." Für Benz füllt die GSO eine
eklatante Lücke: "Weder die Universitäten noch die
Forschungseinrichtungen oder die forschende Industrie haben bisher
Zugang zu diesen Wissenschaftlern gehabt." Von der Bundesregierung
hatten sich die GSO-Gründer eine Anschubfinanzierung erhofft.
Stattdessen warteten sie monatelang auf eine Antwort, bis das
Bundesforschungsministerium sich für die gute Idee bedankte, aber
eine Finanzierung ablehnte.
Dass die German Scholars Organization heute trotzdem existiert, dafür
sorgten vor allem die Robert-Bosch-Stiftung, aber auch die
Volkswagen-Stiftung und der Stifterverband für die deutsche
Wissenschaft. Deren Mittel reichen bis Ende 2005, anschließend
will die GSO sich selbst finanzieren. Das Geld soll durch die
Jobbörse einkommen, die sich auf der Internet-Seite befindet. Dort
können Arbeitgeber gegen ein Entgelt nach geeigneten Bewerbern mit
Arbeitserfahrung in den USA suchen. Zurzeit stehen etwas mehr als
50 Anzeigen auf der Seite.
Einmal pro Jahr führt die GSO Arbeitgeber und junge
Wissenschaftler zusammen. Am 17. und 18. September reisten mehr
als 200 Scholars nach Boston. Neben Vorträgen von
Unternehmenschefs, Politikern und Wissenschaftlern konnten die
Gäste auch Kontakte zu Firmen knüpfen und sich nach
Arbeitsmöglichkeiten erkundigen. An dieser Arbeitsbörse
beteiligten sich unter anderen Altana, BMW, Degussa, McKinsey und
Schering. Auch Universitäten wie die TU Darmstadt, die
Universitäten Düsseldorf und Hannover suchten nach Nachwuchs.
"Mehr als 30 Scholars haben Kontakte zu Schering geknüpft", sagt
Wolfgang Benz und ist mit dieser Resonanz sehr zufrieden.
Jan Schmoranzer ist einer dieser Interessenten. Seit neun Jahren
arbeitet der 35-jährige Zellbiologe an der Columbia University in
New York. Er würde gern nach Deutschland zurückkehren und in der
Industrie oder bei einem Forschungsinstitut arbeiten. Doch über
die Jahre hat er die Verbindungen verloren, nur zu seinem Berliner
Doktorvater besteht noch Kontakt. Schmoranzer ist froh, dass durch
die jährlichen Treffen endlich "eine Bewegung in Gang gesetzt"
wird: "Die Netzwerke sind der richtige Weg", sagt er: "Ich bin mir
bloß nicht sicher, ob auch die Politik die nötigen Voraussetzungen
schaffen wird."
Nach Webers Ansicht hat man sich in Deutschland zu lange darauf
verlassen, als Forschungs- und Wissenschaftsstandort so gut zu
sein, dass die jungen Deutschen von allein zurückkämen. Während
mit der Gründung der GSO und der Arbeit von GAIN, einer in New
York ansässigen Organisation, die die gleichen Ziele verfolgt und
eng mit der GSO zusammenarbeitet, die ersten Werbungsschritte
gemacht werden, haben andere Länder wie Taiwan seit Jahren
Headhunter im Einsatz, die die in den USA lernenden Taiwanesen
nicht aus den Augen lassen.
Das Internet-Forum der GSO kann jetzt der entscheidende Schritt
sein, dieses Versäumnis auszugleichen. Bisher haben sich mehr als
500 junge Deutsche eingetragen. Weber und seine Mitstreiter wollen
bis Jahresende bei 1000 liegen und mehr Firmen gewonnen haben, die
Arbeit anbieten. "Schließlich handelt es sich bei den in den USA
tätigen Deutschen um eine Elite, die man gewinnen muss, um die
deutsche Stellung in einer Welt aufrechtzuerhalten", sagt Eicke
Weber. Wolfgang Benz ergänzt: "Wir müssen versuchen, den ,Brain
drain" in einen ,Brain gain" zu verwandeln."
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